DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

13. Oktober 2009

Wenn wir uns selbst nicht genügen, nicht mit uns zufrieden sind, fürchten wir in Wahrheit nur die schlechte Wirkung auf andere. Wir stellen keine Ansprüche an uns selbst, wir wollen nur gefallen. Wohl genügt es dem einen, wenigen zu gefallen, der andere will berühmt sein, dem einen genügt, Einfaches zu bieten, der andere will nur mit hoher Kunst oder gar nicht glänzen — aber er will doch glänzen und sonst gar nichts. Sich selbst und nur den eigenen Ansprüchen genügen zu wollen, das gibt es nicht, es ist nur eine Umschreibung für das Gefallenwollen bei andern.

Wenn wir uns im Spiegel nicht gefallen, fürchten wir ihren Ekel, wenn wir naschen, als Weichlinge zu gelten und bald als Fettwanst dazustehen, wenn wir faul sind fürchten wir ihren Haß, denn sie fühlen sich verhöhnt und hassen uns dafür, wenn wir unsere Pflichten nicht erfüllen, fürchten wir ihre Rache. Nur unser eigenes Urteil fürchten wir nicht, denn es existiert nicht, es ist immer nur Sprachrohr der anderen. Wir haben keine eigene Meinung, am wenigsten über uns selbst und unsere Leistungen.