DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

12. Oktober 2009

Gefallen wollen selbst diejenigen Schriftsteller, die gegen die Strömungen ihrer Epoche schreiben und ihre Zeitgenossen rückständige Dummköpfe heißen. Sie gefallen damit spätestens denen, die sich gerade durch ein solch vernichtendes Urteil geschmeichelt fühlen, als Auserwählte gewissermaßen, die Zugang zu den neuen, über das Eingefahrene hinausgehenden Betrachtungen finden. Diesen wird geschmeichelt und sie werden mit ihrem Beifall belohnen. Daß viele gekränkt und daher mißgünstig würden, ist nicht zu fürchten, weil jeder gerne zustimmt, wenn man die Menge für dumm erklärt — und keiner sich angesprochen fühlt.

So ist das Leisten und Rühmen stets eine wechselseitige Schmeichelei: Der Schriftsteller schmeichelt dem Publikum, dieses fühlt sich gehoben und schmeichelt ihm dafür mit Bewunderung, dieser wiederum wird dadurch angetrieben erneut zu schmeicheln, sich neues Lob zu erwerben. Mit jeder Leistung, die wir für andere erbringen, schmeicheln wir uns bei ihnen ein, weil wir bekunden, daß ihr günstiges Urteil uns alle Mühen wert und ihre Urteilskraft bedeutend sei.

Es ist aber nicht zu jeder Zeit so, daß wir uns überwinden müßten andern zu schmeicheln, nur um wieder ihre Liebe und ihr Lob zu erhalten, nein es bereitet uns oft das größte Vergnügen freundlich und hilfsbereit zu sein, uns gar zu opfern. Aber ich würde dennoch sagen, daß der eigentliche Grund dieses Vergnügens in der antizipierten Vorstellung liegt, wie wir dann bei ihnen gelten werden, wie strahlende Sympathie auf ihren Gesichtern, Lob in ihren Gedanken und Gefühlen, wie uns ihre Liebe und Achtung sicher sei. Und diese Vorstellungen können uns geradezu in einen Rausch versetzen, in dem wir dann nichts lieber tun als in unserem gefälligen Tun fortzufahren.

Allerdings gibt es nichts Unangenehmeres, als wenn die andern uns zwingen wollen, sie zu ehren — als hätten wir unsern Lohn schon bekommen und müßten jetzt die Schuld abtragen. So sind Höflichkeitsbesuche oder dem eigenen Weibe Blumen bringen, sie ausführen, mit Händchenhalten und Küsschen Liebe bezeugen, Schmuck und Geschenke kaufen und im Beischlafe nicht säumig werden, manchem eine Pein.

Wie das freiwillige Dienen und Ehren und sich im Widerscheine des so erworbenen Ruhmes Sonnen das größte Glück, so ist das durch moralische oder physische Übermacht erzwungene Ehrenmüssen die unbequemste Last. Dies rührt daher, daß der Mensch in zwei Richtungen strebt: er will gefallen aber zugleich frei sein, vom Urteile der andern zwar emporgehoben aber nicht abhängig sein. Vielleicht werden wir diese, zunächst sich widerstrebenden Ziele einmal zusammenführen und aus einem und demselben Ursprung herleiten.