DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

11. Oktober 2009

Es war eine große philosophische Tat, das Gute, das wir andern tun, um von ihnen gelobt, geliebt, gepriesen zu werden, zu einem Guten schlechthin zu erheben. Dadurch wird es vom Urteil einzelner Menschen und Parteien unabhängig, es kommt nur noch darauf an, einem abstrakten glanzvollen Begriffe, der Gerechtigkeit, der Humanität zu genügen oder einem Gotte zu gefallen. Man kann Ruhm und Ehre erlangen unabhängig von Launen und Parteigeist der uns Umgebenden. Es verspricht Ruhm und zugleich Befreiung von der Willkür anderer.

Platon steigert dies noch, indem er die Richtung umkehrt: Er will nicht das vorhandene Gute, das der Nützlichkeit und des Lobes wegen getan wird, zum Göttlichen erhöhen, sondern vom Göttlichen, vollkommenen Guten als dem Ursprünglichen den Ausgang nehmen. Der Ruhm, den wir bei Menschen suchen, der Nutzen, den wir uns von ihren guten Taten versprechen, sei bloß ein Abglanz dieses Idealen und eigentlichen Guten. Und selbst wenn dieser Abglanz seinen Ursprung oftmals überstrahle, so sei dies nur, weil die Wertschätzungen und Handlungen der Menschen uns unmittelbarer beträfen und wir uns von dieser Nähe und Abhängigkeit blenden ließen — gleich wie der Schnee auch oftmals stärker blendet als die Sonne.

Solche Auffassungen, die sich über das Empirische, Alltägliche erheben, ja das Alltägliche selbst erheben oder gar aus dem Göttlichen herleiten, sind zweifelsohne schön.

Sie sind auch nützlich und helfen, mit ihrer Unparteilichkeit und absoluten Gültigkeit, unsere Forderungen und Ansprüche moralisch zu untermauern und also besser durchzusetzen. Wer mit einem Gott und heiligen Schriften oder der Humanität, Anständigkeit und Gerechtigkeit aufmarschiert, hat eine andere Kampfkraft, als wer mit seinem kümmerlichen Privatinteresse daherkommt.

Aber trotz dieser Freiheit und Schönheit und Nützlichkeit, welche uns diese Idealitäten einbringen, deutet doch vieles darauf hin, daß wir letztlich doch wieder nur auf das Lob der Menschen abzielen. Vielleicht nicht immer bloß das Lob derer, die gerade um uns sind, der Nachbarn, der Freunde, der herrschenden Partei, aber wenigstens derer, die wir auf einem ähnlichen Wege wie dem unsrigen sehen, mögen sie auch derzeit nicht erreichbar, vielleicht nur in vergangenen oder kommenden Generationen anzutreffen sein.