DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

7. Oktober 2009

Die Hingabe an die Interessen der Andern, der Familie, Freunde, Partei, Nation wird gewöhnlich als Überwindung des Egoismus gesehen und von den Andern, den Interessierten, verständlicherweise gelobt.

Ich nenne es hier aber nicht Überwindung sondern Erweiterung des Egoismus, weil mir scheint, daß die Interessen des Handelnden dabei sehr wohl mit im Spiele bleiben. Er fühlt sich dann eben als ein größerer, erweiterter Körper und nimmt an dessen Vorteilen und Interessen teil, wie sonst an seinen eigenen. Er beschützt seine Familie, gerät außer sich beim Sieg seiner Fußballmannschaft oder der Armee seines Landes. Es bleibt aber dennoch eine Art Egoismus, weil es außerhalb dieses erweiterten Körpers ja noch die Gegner gibt, an deren Vorteil er sowenig interessiert ist, wie jeder individuelle Egoist am Vorteile der andern.

Wie ich an verschiedenen Stellen bereits bemerkt, ist natürlich jeder Altruismus insofern ein Egoismus, weil der sich Opfernde für sein Opfer immerhin den Ruhm und also seinen Vorteil erwartet, weil ihm dieser offenbar mehr bedeutet als das Geopferte. Doch dieser Handel sei hier nicht gemeint, sondern tatsächlich das Aufgehen, das Sich-Verlieren in den Interessen einer Gemeinschaft, indem deren Interessen tatsächlich die eigenen werden.

Dieser Vorgang scheint einerseits ein Mysterium, ist aber doch so alltäglich wie die Gruppenbildung der Menschen überhaupt. Ob hinter diesem Drang zur Erweiterung des Egoismus, der egoistischen Sphäre auf eine Sippe, auf ein Volk, ein metaphysischer Grund zu vermuten ist, wie Schopenhauer tut, bleibt letztlich offen oder jedem selbst überlassen. Man war allerdings zu allen Zeiten geneigt, in der Nächstenliebe, in der Opferbereitschaft für andere, in der Solidarität, in der Vaterlandsliebe hohe Ideale zu sehen, vermutlich weil von dort auch die stärksten Rührungen, die bewegendsten Augenblicke, die höchsten Glücksgefühle des menschlichen Daseins kommen. Was sonst sollte man einem göttlichen Ursprung, einem metaphysischen Mysterium, einem über allem stehenden humanistischen Ideal zuschreiben, wenn nicht diese rührenden, begeisternden, euphorisierenden Gemeinschaftserlebnisse.