DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

5. Oktober 2009

Manche meinen, zuerst hätten die Menschen um des Nutzens wegen, also um eines bestimmten materiellen Vorteils willen anderen gefallen wollen, hätten sich dann an die Verbindung des Nutzens und Gefallens gewöhnt und schließlich auch am bloßen Gefallen ihr Vergnügen gehabt, und daraus sei das Gefallenwollen um seiner selbst willen, also die Eitelkeit, entstanden.

Ich vermute aber, es sei umgekehrt: Das Gefallenwollen, das Geltenwollen, das im Verhältnis zu andern im Range möglichst Hochstehenwollen ist das Elementare, demgegenüber sämtliche materielle Vorteile, zuweilen gar die der nötigsten Nahrungsaufnahme, hintenanstehen.

Dafür spricht auch, daß der Mensch oft eher den Tod in Kauf nimmt, als daß er die Einbuße seines Ansehens leiden wollte, und daß er selbst auf dem Sterbebett, wo die Nahrungssicherung und ähnliches überhaupt keine Rolle mehr spielt, dennoch mit seinem Nachlaß ideeller und materieller Art gar sehr beschäftigt ist, weil er sich vorstellt, wie die andern ihn nach seinem Tode weiter schätzen werden.