DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

3. Oktober 2009

Unter gesitteten zivilisierten Leuten gilt Rache heute als Rohheit, als ein Aufquellen dunkler bösartiger Triebe, die wir am liebsten in alttestamentliche oder mittelalterliche Ritterzeiten oder wenigstens an Mohammedaner verweisen würden. Einzelnen gestehen wir sie wohl zuweilen zu, freuen uns gar in Sympathie mit ihrer Leidenschaft, doch aus dem Gerichts- und Strafwesen wollen wir sie gänzlich verbannen.

Strafe sei kein Bezahlen für ein Unrecht, sondern diene allein der Abschreckung und Vermeidung noch nicht begangenen Unrechts, Rache hingegen ein Hängen an Vergangenem, nicht mehr zu Änderndem. Der vernünftige Mensch blicke aber in die Zukunft und sehe darauf, wie er künftiges Unheil verhindern könne.

Andere gehen soweit zu sagen, den Täter treffe selbst gar keine Schuld, weil er durch die Umstände und Motive unausweichlich zu seiner Tat getrieben worden und es also nichts zu rächen, d.h. heimzuzahlen gäbe, sondern nur durch genügend starke Gegenmotive, in Form angedrohter Strafen, er und ähnlich Gefährdete vom Verbotenen abzuschrecken seien.

Und schließlich manche Christen, Buddhisten, Pazifisten, die selbst ihren Feinden nichts zu Leide tun wollen und sich lieber noch die zweite Wange zerschlagen lassen. Auch Mitleid mit dem Delinquenten, der seine Tat so teuer bezahlen muß, ist hier im Spiele: Man versetzt sich selbst in seine Lage und muß eingestehen, daß man vielleicht ebenso hätte handeln können — und dann eine ebenso schwere Strafe leiden müßte, samt der damit verbundenen gesellschaftlichen Schmach. Das Mitleid ist ja oft nichts Anderes als die Vorstellung, das Leiden des andern könne uns selbst einmal treffen, und daraus entsteht die Furcht, daß wenn wir jetzt zu streng und gehässig mit den Tätern verfahren, es uns dann nicht besser ergehen werde.

Alle solche Positionen haben, neben Vornehmheit, philosophischer Erkenntnis, religiöser Erwartung, Menschenfreundlichkeit und Milde durchaus auch Gründe bloßer Vernunft auf ihrer Seite: Das Strafen, Heimzahlen, Rächen nämlich erregt oftmals so sehr die Gemüter, sowohl der zuerst Geschädigten als auch derer, denen jetzt, zum Ausgleich, geschadet werden soll, und erweckt solch böse Leidenschaften, daß am Ende für beide Parteien der Schaden größer ist, als wenn man der Sache gütig begegnet wäre. Vor allem die privat geübte Rache schlägt leicht über alles Maß hinaus, führt zu Mord, Duell und Vertilgung ganzer Familien.

Man ist deswegen dazu übergegangen, das Rächen in seinen schwereren Formen ganz in die Hand des Staates zu geben und also in geordnete Bahnen zu leiten. Durch das öffentliche Straf- und Gesetzeswesen soll die Rache beherrschbar werden. Im übrigen bleibt es aber doch Rache, d.h. Bezahlen, Ausgleichen von Nachteilen, Kränkungen und Beschädigungen. Und dies ist nicht nur Ausdruck blinder Leidenschaft, nicht nur Durst, dem Übeltäter zu schaden ohne dem Rächer zu nützen, ja ohne irgendwem zu nützen, sondern bringt sehr wohl einen großen Vorteil und zwar auf einer Ebene, die uns bei weitem wichtiger ist, als materielle Güter: Ehre, Rang und Ansehen gelten den Menschen gewöhnlich mehr als Geld und greifbare Dinge, und wenn bereits bei diesen jede Beschädigung eine Wiedergutmachung sucht, so umso mehr bei jenen.

Wer in mein Haus einbricht und mich bestiehlt, hat mich nicht bloß um ein paar Geldscheine oder Gegenstände gebracht, nein er hat mich gedemütigt, weil er sich über mich erhob und mir Gewalt antat. Ich bin wütend, nicht weil er mir dieses und jenes Ding genommen, welches womöglich leicht zu ersetzen, sondern weil er sich herausgenommen, über das Meinige — über mich — zu verfügen. Er hat sich über mich gestellt und mich, neben der Beleidigung, in Angst versetzt. Deshalb will ich ihn jetzt unter mich gestellt sehen, um die Beleidigung zu tilgen und mich in meiner Angst zu beruhigen.

Die selbe Wut kocht, wenn ein Volk von einem fremden Heere überfallen wird: Es ist nicht bloß der reale Schaden — welcher sich ja gar nicht bemessen läßt — es ist die Demütigung, die schmerzt. Würde der Aggressor noch gar Geschenke und Wohltaten bringen, er hätte doch einen schweren Stand, diese Demütigung zu löschen.

Auch wenn bloß andere in ihrem Gut und ihrer Stellung beschädigt wurden, ist das doch indirekt ein Angriff auf uns selbst. Wenn ein Dieb durch die Gegend zieht und Bürger meinesgleichen beraubt, so fühle ich mich selbst in meinem Rang, meiner Ehre, meinem Gut bedroht, ja fast schon selbst geschädigt, weil er diejenigen, die demselben Range, derselben Klasse angehören, geschädigt hat. Es ist erniedrigend und beleidigend, daß einer dergleichen tut, also muß er bestraft, muß die Tat gerächt werden, damit seine Erhöhung und unsere Erniedrigung wieder ausgeglichen werde.

Gerichtliche Strafe ist Rache des Staates, d.h. an die Richter und Gefängniswärter delegierte Rache der Bürger — es entsteht dasselbe Verhältnis wie zwischen verfeindetet Familienclans: die Verbrecher auf der einen, die übrigen „anständigen“ Bürger auf der anderen Seite.

Selbst die jenseitigen Gerichte der verschiedenen Religionen sind nichts anderes als ein Delegieren der Rache — wenn nämlich die irdischen Mittel nicht hinreichen, den Beleidigten Genugtuung zu verschaffen. (Nebenbei dienen die Höllen wohl auch dazu, das Selbstgefühl der Glaubensgemeinschaften zu heben, indem sie sich genugtun in der Vorstellung, wie Gegner, Abtrünnige und sie jetzt Verhöhnende dereinst im ewigen Feuer braten werden, während sie selbst im Himmel jubilieren — aber auch dies nichts Anderes als vorweggenommene Rache.)

Der Verbrecher hat mit seiner Tat anderen geschadet, sie in ihrem Rang und Gut beeinträchtigt; um dieses zu reparieren, soll nun ihm geschadet, soll er beeinträchtigt und herabgesetzt werden, und dies geschieht durch Strafe, Rache, Vergeltung. Dieser natürliche und in gewissem Sinne vernünftige Aspekt der Strafe hat sich bis heute im Gerechtigkeitsgefühl der Menschen erhalten. Auch wenn die Blutrache in zivilisierten Völkern abgeschafft wurde, so wird immer und von allen die Strafe als ein Racheakt empfunden, als eine Rückerstattung des Vorteils, in den sich der Verbrecher gebracht, indem er gestohlen, geschlagen, gemordet hat. Ein Ausgleich der durch die Untat entstandenen Machtverschiebung wird durch die Vergeltung vollzogen.