DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

14. September 2009

Lüge und Eidbruch ist ein Zeichen von Furcht, denn der Souveräne würde nicht zu solchen Ausflüchten greifen, sondern in aller Gelassenheit bei der Wahrheit bleiben. Wir aber fürchten Entdeckung unserer Schwäche, materielle Einbuße, des Andern Unwille und Gegenschlag, und also lügen wir jeden Tag, meist ohne es selbst zu bemerken oder wahrhaben zu wollen.

Aber Wahrheitsliebe ist vielleicht ebenso Furcht — Furcht vor Entdeckung unserer Lüge und den Folgen: Verachtung, Vertrauensverlust, übler Ruf, Verstoßung aus der Gemeinschaft. Der wahrhaft Souveräne, wenn es ihn denn gäbe, bräuchte sich vor solchen Konsequenzen nicht zu fürchten, würde allein tun und sagen was ihm gut und nützlich schiene. Weil es ihn aber nicht gibt, den wahrhaft Souveränen, und weil wir alle gar sehr voneinander abhängen, von Vertrauen und wechselseitiger Achtung, so fahren wir meist besser, bei der Wahrheit und unseren Eiden treu zu bleiben und erreichen damit, wenn nicht eine absolute, so doch eine teilweise Souveränität.