DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

8. September 2009

Geschätzten Menschen gefällig sein, unparteiisch und gerecht an menschlichen Konflikten teilnehmen, weder Neid noch Geiz verspüren, das Seinige gerne teilen, andern das Ihrige gönnen, weniger Bedürfnisse als Mittel haben und damit in keiner Versuchung der Bestechlichkeit, des Betruges oder Diebstahls stehen — es ist das Höchste, was ein Mensch erreichen kann an Freiheit und Souveränität. Allseitige Achtung und Beliebtheit wird er im Überfluß genießen, Ängste vor anderer Mißgunst oder polizeilicher Verfolgung weit entfernt sehen.

Ist solche Tugend nun bloß egoistisch, um der genannten Vorteile Willen, oder leitet sie sich her aus höheren Quellen, geistigen Idealen, Befolgung göttlicher Gebote? — Eine Antwort ist im Grunde überflüssig, denn es steht fest, daß der auf diese Weise Tugendhafte den höchsten Menschen erreichbaren Zustand und also das höchste Glück erringt. Er tut, indem er anderen Freude macht, was ihm selbst Freude macht. Ob ihn dabei hauptsächlich sein eigenes Tun beglückt oder die Freude der andern oder das Wohlwollen der andern auf Grund ihrer Freude oder gar die Befriedigung, ein höheres Gesetz befolgt zu haben, das ist letztlich von keiner Bedeutung.

Im Grunde sind ja sämtliche Morallehren egoistisch motiviert, indem überall die Seligkeit, die Freiheit, die Befreiung von irdischen Plagen, die Selbstfindung und das „Mit sich selbst im Reinen Sein“ als Lohn und einziger Weg zum Glück des Tugendübenden angegeben wird. Kaum ein Religionsgründer oder Moralphilosoph wird bislang so kühn gewesen sein, das Wohl der Anderen zum alleinigen Ziel zu setzen, ohne dem Tugendhaften sein Glück, oder wenigstens die Überwindung seines Unglücks, in Aussicht zu stellen. Insofern also: Jede Moral ist im letzten Grunde auf Egoismus gebaut.