DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

30. August 2009

Natürlich sagen die Menschen, man solle tugendhaft d.h. nicht egoistisch sein, weil sie lieber wollen, daß man sich um sie sorgt als um sich selbst. Aber der Mensch will auch tugendhaft sein, weil sein größtes Glück, größer als alle materiellen Güter, darin besteht, von andern geliebt und respektiert zu werden, einen hohen Rang in der Gemeinschaft einzunehmen, also mächtig zu sein, gefeiert zu werden, Ruhm zu erlangen, gar über den Tod hinaus. Diese Dinge machen den Menschen glücklicher als alles andere, und weil er sie nur durch Dienst und Opfer an anderen erreichen kann, so ist nichts natürlicher, als daß er nach Tugend strebt. Es geschieht dies letztlich zwar ebenso aus Egoismus, weil es ihm ja um sein Glück zu tun ist, aber, indem dabei gleichzeitig Vorteil und Glück der andern befördert wird, sieht man über das Egoistische daran meist hinweg.

Der Mensch kann nichts Vorteilhafteres, nichts Größeres für sich selbst tun, als andere zu lieben, anderen zu dienen, seine Kräfte und Talente für andere einzusetzen — weil ihm nirgendwo so viele Anerkennung, in gleich welcher Form, zu teil wird, und weil diese Anerkennung sein Glück weit mehr befördert als alle materiellen Güter. Und selbst die materiellen Güter scheinen ihn hauptsächlich dadurch zu beglücken, daß sie ihm wiederum Bewunderung und Ansehen bei andern verschaffen. — Allerdings bringen sie oft auch Neid und Mißgunst und damit wenig Glück, nämlich wenn die andern nicht davon profitieren und den Besitzer also nicht loben werden.

Es kann dem Menschen also in zweifacher Weise empfohlen werden tugendhaft zu sein: Zum einen natürlich empfehlen es die andern, weil sie selbst ihren Vorteil davon haben. Sodann empfiehlt sich die Tugend selbst, weil nur durch Tugend, durch Dienst und Opfer dasjenige erreicht wird, was dem Glück am förderlichsten ist, nämlich die Anerkennung und Liebe der andern.

Aller Dienst an andern hat etwas Großes, ja ist das Größte, weil der Mensch nichts so sehr sucht und nichts sein Glück so sehr befördern kann, als ihre Anerkennung. Das Tugendhafte, das Gute, das Große würde man gerne aus einem metaphysischen Mysterium herleiten und hat dies auch zu allen Zeiten getan. Es ergibt sich aber bereits aus bloßer Beobachtung der Realität: Das größte Glück des Menschen ist die Anerkennung der andern, diese Anerkennung erhält er nur durch Dienst und Opfer.

Das Mysterium scheint dadurch herabgezogen und banalisiert, die Sache selbst aber bleibt dieselbe. Auch wird allezeit bleiben, daß man den Dienst und das Opfer mystifiziert und wiederum mit vollem Recht, denn das Größte, das Glückbringendste des menschlichen Daseins hat solche Mystifikation durchaus verdient — was sonst, wenn nicht dieses.

Jedem, der geliebt werden oder zu Macht und Ansehen gelangen will, kann nur empfohlen werden, sich der Tugend, in gleich welcher Form, zu befleißigen. Denn er wird‘s auf anderm Wege nimmer erreichen. Könnte er sich mit bloß materiellen Gütern begnügen, so würde ihm auch mit reinem Egoismus geholfen sein, aber ich bezweifle, daß es einen solchen gibt. Denn nicht bloß in unserer menschlichen, schon in unserer tierischen Natur ist das Bedürfnis nach anderer Schätzung angelegt als Hauptquelle aller Befriedigung und allen Glücks. Man muß als wahrer Egoist Altruist sein, im eigenen Interesse den andern dienen, zur eigenen Verwirklichung sich andern opfern.

Nehmt alles hinweg, den göttlichen Ursprung der zehn Gebote, das Gebot der Nächstenliebe, sämtliche Idealitäten des Humanismus, die Vernünftigkeit des Kategorischen Imperativs, alle Mysterien des Edlen, Heldenhaften und Opferbereiten — so bleibt doch immer übrig, daß alles Moralische die wichtigste, die bedeutungsvollste Sache im menschlichen Leben ist, die tiefste und hauptsächlichste Quelle allen Ärgers, aller Freude, allen Leids und allen Glücks. Mag es von Gott kommen, von der Vernunft oder unseren einfachsten tierischen Instinkten entstammen, es bleibt doch die Hauptsache unserer Existenz, und keiner, so viele es schon versucht, kann sich davon lösen. Selbst der große Unterschied der moralischen Werte zwischen den Kulturen und Zeitaltern tut der Bedeutung und Wichtigkeit des Moralischen keinen Abbruch, und es hängt auch nicht an den einzelnen Gesetzen, sondern am jeweiligen Nutzen und Schaden für die jeweilige Gemeinschaft, und der kann in der einen Gemeinschaft durch dieses Gesetz, in einer anderen durch ein anderes, womöglich dem ersteren widersprechendes, am besten befördert werden.