DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

17. August 2009

Wenn wir in den Menschenstrom einer großen Stadt eintauchen, kann uns leicht schwindeln in den Duftwolken der Parfüme, den aufreizenden Masken von Kosmetik, den brünstigen Kleidern und raffinierten Enthüllungen der Mode. Wenn man überhaupt noch zur Besinnung findet, so kommt vielleicht der Gedanke, daß die Natur diesen ungeheuren Aufwand benötigt, um den Sexualtrieb lebendig und somit die Fortpflanzung in Gang zu halten. Auch in der Pflanzen- und Tierwelt finden wir ja einen unerschöpflichen Reichtum an Formen, Farben und Düften und sehen kein anderes Motiv und Ziel als Begattung und Reproduktion.

Obschon vielleicht auch beim Menschen der letzte Grund für all diesen Aufwand die Fortpflanzung sein mag, scheinen doch zunächst, zumindest in seinem Bewußtsein, andere Motive ebenso stark und noch durchgängiger zu wirken. Es sind dies der Geltungswille, das Bemühen um Ansehen, Einfluß und Macht, wie auch andererseits die Furcht vor Erniedrigung und Verachtung.

Die Menschen sind ja nicht fortwährend mit der Vorbereitung und Anbahnung des Beischlafes beschäftigt. Auch beim Ankleiden und Schminken, Frisieren und Waschen denken sie nicht ausschließlich daran; sehr wohl aber, wie sie ankommen werden bei den Artgenossen insgesamt (nicht bloß bei Sexualpartnern, sondern auch bei Gleichgeschlechtlichen), denen sie allesamt versuchen, den Rang abzulaufen, sie auszustechen — nicht bloß hinsichtlich des Beischlafes, sondern hinsichtlich des Ranges in der Gesellschaft.

Dabei hat freilich die erotische Wirkung auf mögliche Geschlechtspartner eine starke, aber eben oft bloß indirekte Wirkung: Ein Mann, der einnehmend oder gar erotisch auf Frauen wirkt und erfolgreich erobert, erntet damit, neben dem Neid, auch Autorität in den eigenen Reihen, weil viele in seinem Fahrwasser mitschwimmen wollen und fürchten, falls sie ihm nicht dienstbar sind und gefallen, sie auch bei den Frauen sinken könnten.