DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

11. August 2009

Mit Anführung der prägnanten und trefflichen Stellen aus Paul Rées „Psychologischen Betrachtungen“ habe ich meine Wertschätzung dieses zu wenig beachteten Schriftstellers genügend bewiesen, als daß die folgende Kritik als Mißbilligung seiner Arbeiten im Ganzen aufgefaßt werden könnte.

Wir sahen, wie er mit scharfem Blick unsere Handlungen und Empfindungen ihrer sentimentalen Hülle entblößt und zeigt, wie dort, wo von Tugend, Mitgefühl, Achtung und Liebe die Rede ist, in Wahrheit der Egoismus oder wenigstens der Geltungsdrang die heimlichen Fäden zieht.

In einer weiteren Schrift will er nun den Ursprung des Gewissens und damit der Moral überhaupt aufspüren und versucht die Lösung der alten und ewigen Frage der Philosophie, ob moralische Werte absolut seien oder von der Zeit, der Nation, der Kultur, der Meinung und Laune abhingen. Seine zahlreichen Vorgänger, welche durchaus zur zweiten Ansicht neigen, versucht er damit zu übertreffen, daß er nicht bloß den Egoismus als hinter der meisten Moral stehend entlarvt und nicht bloß die Wandelbarkeit der moralischen Werte beweist, sondern zeigen will, daß selbst die Verbindung: „egoistisch ist schlecht, unegoistisch gut“, auf reiner Gewohnheit und Erziehung beruhe, mit der Natur aber nicht das Mindeste zu tun habe.

Wenn uns diese Verbindung dennoch so geläufig sei, so rühre dies nur daher, daß man in Kulturen wie der unsrigen, auf Grund gewisser Nützlichkeitserwägungen, das Egoistische als das Schlechte vom Unegoistischen als dem Guten unterschieden und seither diese Wertung der Handlungen von Generation zu Generation tradiert und, indem sie stets von Kind an eingeprägt, schließlich unerschütterlich befestigt habe.

Auch jetzt noch dränge diese Unterscheidung von Jugend an auf uns ein. Stets hörten wir den Selbstlosen gelobt, den Egoisten getadelt. Die Bücher, welche wir läsen, die Schauspiele, welche wir sähen, stellten denselben Gegensatz dar, und endlich lehrte man uns auch direkt, daß Uneigennützigkeit, Mitleid, Wohlwollen, Aufopferung gut, Hartherzigkeit, Neid, Schadenfreude schlecht seien.

Wüchse jemand aber unter genau entgegengesetzten Verhältnissen auf, hörte er von Jugend an Hartherzigkeit, Neid, Schadenfreude gut genannt und gelobt, die Selbstlosigkeit hingegen schlecht und getadelt, würde ihm auch direkt eingeprägt, daß es löblich sei, möglichst viele seiner Mitmenschen umzubringen oder sonst zu schädigen, zu ärgern, zu quälen, während es schlecht und verwerflich sei, den Regungen des unegoistischen Triebes nachzugeben und für andere zu sorgen, dränge diese Unterscheidung auch durch Bücher und Schauspiele immer wieder auf ihn ein, so würde es ihm natürlich werden, die Jagos, Richards, Gonerils lobenswerth und gut, die Posas schlecht zu nennen.

Hier jedoch hat sich Rée, wie mir scheinen will, von der Schlüssigkeit und Klarheit eines Gedankenkonstruktes verleiten lassen und, wie es so vielen vor ihm ergangen, einen gründlicheren Vorstoß in die Tiefe vorzeitig abgebrochen.

Er leitet das moralische Gefühl von der Erziehung und der Gewohnheit her, also gewissermaßen postnatale Bedingungen, während es in Wahrheit aus der instinktiven Furcht der Menschen voreinander und ihrer Hoffnung auf Anerkennung voneinander abzuleiten ist; Bedingungen bzw. Kräfte, die einem Instinkte gleichkommen und im Grunde bei den Tieren ebenso vorzufinden sind — auf die durch Erziehung nur wenig eingewirkt werden kann.

Mord und Diebstahl sind Angriffe auf andere Personen und stellvertretend auf die ganze Gesellschaft; ein abscheulicher Mord verbindet die Individuen, sie fühlen sich in ihrer Gesamtheit angegriffen und bedroht — in gewissem Sinne auch beleidigt, da einer sich erlaubt, ihr Gesetz zu mißachten und ihre Ruhe zu stören.

Diesen Angriff wollen sie abwehren oder rächen, die Mittel dazu sind Drohungen und Strafen; moralische Urteile sollen den Drohungen Gewicht verleihen und die Strafen zusätzlich begründen und rechtfertigen.

Die Frage, ob ein Mord an sich eine „schlechte Tat“ sei, stellt sich aus dieser Betrachtungsweise gar nicht. Er ist ein Angriff auf andere und wird entsprechend abgewehrt, verbal durch moralische Verurteilung (Drohungen aller Art), real durch ausgeführte Strafmaßnahmen.

Es handelt sich bei alldem um Angriff, Abwehr, Gegenangriff, Provokation, Rache, um ganz reale Vorgänge also, welche ohne alle Moral ebenso stattfänden, die selbst unter Tieren stattfinden, und die beim Menschen nur insofern verfeinert sind, als er sie mit dem feinen Spinngewebe des Moralischen umhüllt. Die Frage, ob die „böse“ genannten Handlungen an sich verwerflich seien, ist daher eine überflüssige Frage: Es sind Angriffe, die eine Abwehr provozieren, die Waffe der Abwehr ist, in der zivilisierten Welt, hauptsächlich die Moral.

Darüber, wem welche Handlung schadet, gibt es freilich viele unterschiedliche Auffassungen zwischen den Individuen, zwischen den Sippen, den Völkern, den Kulturen, den Zeitaltern. Doch sie alle verbindet, daß dem jeweils eigenen Kreise schädliche Handlungen als schlecht, als böse bezeichnet werden, und wenn auch Erziehung und Gewohnheit dabei hilft, diese Einteilungen zu festigen und zu tradieren, so ließen sie sich doch nicht abschaffen oder gar umkehren durch eine andersartige Erziehung. Denn die Basis, die Schädlichkeit für Mitglieder des eigenen Kreises, diese Basis bleibt immer dieselbe.

Wen zu töten verboten ist, wen erlaubt, wen zu töten gar als Heldentat gefeiert wird, davon mag es alle Variationen geben, und diese werden entsprechend in den Gesellschaften durch Erziehung und Gewohnheit gefestigt. Wenn wir aber diejenige Tötung als „Mord“ definieren wollen, durch welche sich ein Gesellschaftskreis geschädigt sieht und sie deswegen verurteilt und verbietet, so ist, in diesem Sinne, der Mord überall gleichermaßen verboten und gilt, weil der Mensch sich beim Fechten am liebsten der Moral bedient, als „böse“.

Das wird immer so sein und überall, und die Frage, ob es ein an sich Böses gebe, oder man, in einer konstruierten erfundenen Gesellschaft, die Dinge auch auf den Kopf stellen könnte, hat im Grunde so wenig philosophischen Gehalt, als die Frage, wie die Menschen sich verhalten würden, wenn es kein Licht gäbe und ewige Finsternis herrschte, oder wenn sie keine Sprache hätten. Man könnte sie ja durchaus von Geburt an in eine dunkle Halle sperren, sie keine Sprache lehren und dann mit Nachtsichtgeräten beobachten, was aus ihnen würde. Aber das wäre ja ein ganz unsinniges Experiment, dessen Ergebnisse sich auf die herrschenden Gesellschaften in keiner Weise anwenden ließen.

Es ist natürlich klar, worum es Paul Rée zu tun ist, worin das Motiv seiner Konstruktionen liegt: Er will sich, wie so viele Philosophen, ja wie fast alle Menschen, vom unbequemen Drucke der Moral befreien, und weil die Moral einen so absoluten Anspruch erhebt, gar mit übermenschlichen, himmlischen Heeren und Feldherren verstärkt wird, will er dieser Übermacht durch seine Entlarvungen entkommen. Nicht vor allen Menschen soll sie entlarvt werden, aber vor den denkenden, den Philosophen, den Seinesgleichen. Diese, so hofft er, könnten sich von dem Alp befreien und also mit größerer Gelassenheit den ewigen Vorwürfen, Drohungen und Keifereien entgegensehen. Es ist sicher ein verständliches Anliegen, und jeder mag solche Wünsche hegen. Es ist auch sehr angemessen, solche moralische Relativierung auf einzelne Werte anzuwenden und sich nicht von jedem Vorwurf, der über uns hereinfällt, irre machen zu lassen. Nur, die Frage nach der Moral überhaupt, die Tatsache, daß es Gut und Böse gibt, läßt sich damit nicht in Frage stellen. Gut und Böse ist sozusagen eine Kategorie, die uns a priori gegeben ist — entstanden aus dem Willen, da zu sein, sich zu behaupten, sich durchzusetzen — neben Zähnen und Klauen das feinere Werkzeug dieses Willens.

Selbst der extreme Wirtschaftsliberalismus, der dafür eintritt, ein jeder solle vor allem sein eignes Interesse befördern, gibt als Grund und Absicht dieser Maxime an, daß gerade dadurch das allgemeine Wohl am besten gefördert sei, indem die Menschen niemals so viel zu Stande brächten, als wenn sie ihre eigenen egoistischen Ziele verfolgten. Sie würden dann, zunächst jeder für sich, einen solchen Überfluß produzieren, daß am Ende für alle reichlich vorhanden wäre; hingegen, wenn jeder für die Allgemeinheit sorgen müsse, geschähe dies mit so lauem Eifer, daß alle in der Not schmachteten. Also selbst hier, wo der Egoismus gelobt wird, sieht man ihn nur als Mittel, das allgemeine Wohl aber als Zweck.

Jede Sippe oder Gesellschaft muß das rein egoistische Handeln als ihr schädlich empfinden und also bestrafen, als böse verurteilen etc. Deswegen mag Rée im Einzelnen wohl Recht haben, daß die Moralvorstellungen durch Gewohnheit und Erziehung in uns kommen und verankert werden. Im allgemeinen jedoch, d.h. hinsichtlich des Egoistischen und Unegoistischen liegt er falsch.

Er meint, die Definition des Egoistischen als „schlecht“ und des Unegoistischen als „gut“ sei nur eine willkürliche Festlegung und nur deswegen so innig von uns geglaubt, weil eben von Jugend an uns vorgehalten und eingetrichtert. Man könne uns, durch eine umgekehrte Erziehung, vom Umgekehrten ebenso innig überzeugen, daß also das Egoistische das Gute, das Unegoistische das Schlechte sei.

Aber selbst wenn dies nun theoretisch vorstellbar wäre, so ist eine Gesellschaft, in der es tatsächlich geschähe, doch ganz außerhalb aller Natur und jedenfalls ein reines Gedankenkonstrukt. Denn unter allen gegenwärtigen und aus der Geschichte überlieferten Gesellschaften und Kulturkreisen ist ein solches Ding nicht aufzufinden. Immer ist das Gute, auch wenn es im einzelnen Fall das Gegenteil sein mag, von dem was in unseren Kreisen für gut befunden wird, etwas, das dem dortigen Kreise als nützlich erscheint (nützlich dem Kreise, nicht bloß dem Einzelnen).

Wo der Kindermord Sitte war, wie in Sparta als man schwächliche Neugeborene im Gebirge ausgesetzt, wo das Verspeisen der Alten und Kranken zur Reinigung der Gesellschaft diente, wie beim indischen Volk der Padaier, da überall würden wir, dort aufgewachsen, dasselbe für tadelnswert und lobenswert empfinden — aber immer etwas vermeintlich der Sippe Nützliches! Kaum wird in einer Sippe lobenswert gelten und den Kindern von klein auf gepredigt werden, was der Sippe offensichtlichen Schaden zufügt. Zumindest wird man in dem Glauben an die Nützlichkeit sein.

Rée mag Recht haben, daß bei den einen das Menschenfressen als große Tat gilt, bei den andern als scheußliches Verbrechen, ebenso das ungesunde Kinder Aussetzen, das Feinde oder Fremde zerstückeln oder was immer an Sonderbarem aufzufinden ist. Niemals und nirgendwo wird aber als gut empfunden und gelobt werden, was den Mitgliedern der eigenen Gruppe schadet. Der extreme Egoismus jedoch schadet den andern um des Einzelnen Vorteils willen.

Ich bestreite daß, wie er meint, die Menschen auch anders erzogen sein könnten, nämlich von Kindheit an dazu, das Egoistische für lobenswert, das Unegoistische für schlecht zu halten. Das wäre nämlich, wenn überhaupt, nur durch vollkommen künstlich geschaffene Verhältnisse möglich, bei einem Kaspar Hauser etwa, in einer realen Gesellschaft aber nie. Denn hier wird, schon wegen des vorherrschenden Egoismus, jedes Einzelnen und aller zusammen, immer der Egoismus schlecht angesehen sein, denn jeder fürchtet, daß wenn alle andern nur ihren Egoismus lebten, er selbst dabei am schlechtesten wegkäme.

Wenn aber Verhältnisse immer und überall dieselben sind und nur durch allerkünstlichste Einrichtungen, ja fast nur theoretisch oder in einzelnen Fällen, anders gemacht werden könnten, so würden diesbezügliche Experimente für den praktischen Gebrauch überflüssig und ihr Erkenntniswert nichtig.

Seit je her ist „Egoismus“ und „verwerflich“ für die Menschen eine zusammengehörige Vorstellung, weil der Egoismus ihrer Glückseligkeit schädlich ist. Ob, darüber hinaus, der Egoismus noch irgend etwas Schlechtes an sich hat, ist dann eine weitere Frage, die aber im Grunde keine Relevanz mehr hat, denn alle wesentlichen Folgen dieser Verbindung „Egoismus und verwerflich“ sind bereits gegeben, indem der Egoismus verurteilt und bestraft wird, indem eine Moral angewandt wird, um den Menschen Angst einzuflößen, ihren Egoismus auszuleben. Ob das Böse dann noch aus einem anderen höheren Grunde böse sein könnte, hat für den Menschen keine reale Konsequenz.

Daß der Mensch sich unter Umständen bereden läßt, nicht nur die Maßnahmen seiner Zeitgenossen, sondern noch die seiner Ahnen und Nachfahren in vorgestellten Welten, die Strafgerichte von Göttern und die Feuerqualen der Teufel zu fürchten, ist im Grunde nur eine Verstärkung und Verfeinerung der ohnehin vorhandenen Druckmittel.