DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

19. Juli 2009

Alle diese der Natur aufgedrückten Konstruktionen, mit denen wir menschliche Eigenschaften aus der Natur abzuleiten versuchen, scheinen mir einigermaßen absurd. Z.B. Darwin: Könnte ein Zugvogel, der, getrieben vom Wanderinstinkt, seine Jungen im Stich gelassen, zurückschauen und jene durch den Hunger umkommen sehen, so würde er über sein Fortgehen Schmerz, Gewissensbisse empfinden.

Daraus will man nun ableiten, daß Tiere nur deswegen keine Gewissensbisse empfinden, weil sie kein Gedächtnis haben und also Gewissensbisse nur Erinnerung oder Vorstellung eines selbstverursachten fremden Leides seien.

Was haben nicht der Historismus und dergleichen Strömungen schon alles zusammenphantasiert, um unser Verhalten aus Urgesellschaften, dem Tierreiche oder wilden Stämmen zu erklären. Warum bleiben wir nicht bei unseren eigenen gegenwärtigen Verhältnissen — finden wir da nicht genügend zu forschen, zu erklären, Zusammenhänge aufzudecken und Ungleiches zu trennen?

Übrigens haben Tiere sehr wohl Gewissensbisse, nämlich Angst vor üblen Konsequenzen ihres Tuns: Wie mein Hund sich duckt und angekrochen kommt, wenn er etwas Verbotenes getan — und das ist nicht einmal Furcht vor Schlägen, sondern allein vor meinem Tadel.