DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

14. Juli 2009

Das Schöne an der Moral sind die guten Taten, von denen wir ergriffen und gerührt sind, sei es über uns selbst oder über andere, es sind die großen Augenblicke des Lebens.

Für diesen schönen Teil des Moralischen ist es aber vollkommen unbedeutend, wie gut oder schlecht die Welt insgesamt moralisch dasteht, auch nicht ob sie besser oder schlechter wird. Im Gegenteil, man könnte sagen er gewänne mit zunehmender moralischer Schlechtigkeit, weil dann die gute Tat, das einzelne Opfer umso rührender hervortritt, er lebt nicht vom Besserwerden der Welt, als vielmehr vom Kontrast zwischen Gut und Böse. Deswegen tritt er auch in Romanen, Schauspielen, Filmen am wirksamsten hervor, weil dort alles auf diesen Kontrast angelegt ist — und selbstredend wird mit den dortigen Handlungen die wirkliche Welt weder besser noch schlechter. Der wahre Künstler hat daran auch kein Interesse, weil es ihm bloß darauf ankommt, die jeweiligen Rührungen in den Gemütern zu erzeugen und damit zu unterhalten. „Die Tränen der Zuhörer sind der Triumph der Kanzelredner.“

Der andere Teil der Moral ist der aktive, wo gepredigt, gescholten und verurteilt wird, wo Lobreden und Orden zum Gut- und Nützlichsein animieren sollen. Auf diesem Schauplatz, in dieses Ringen fließt die meiste soziale Energie, ja vielleicht die meiste Energie der Menschen überhaupt. Man könnte denken, daß, weil hier doch alle mit so vielem Eifer mitwirken, die Welt dadurch tatsächlich gebessert würde, doch ist dies, wenn überhaupt, nur sehr eingeschränkt der Fall. Hauptsächlich geht es dabei darum, wie der jeweils moralisch Aktive seine eigene Stellung, oder allenfalls noch die seiner Sippe, Partei, Religionsgemeinschaft heben könnte, indem er den Glanz — und die Macht — des Guten für sich in Anspruch nimmt. Er kämpft für das Gute, die Andern sind die Bösen und müssen vernichtet oder wenigstens entmachtet werden — zu seinen Gunsten. Jeder will dabei Ansehen und Einfluß gewinnen, womöglich auch Güter, und kann dies doch immer nur auf Kosten anderer, weil sich die Gesamtmenge an Ansehen und Einfluß wohl gar nicht, die der Güter nur begrenzt vermehren läßt, und so bewirkt unser moralischer Aufstieg, daß andere notwendig verlieren müssen — in dem Maße wir gewinnen.

Dieser Teil des Moralischen dient dem Ehrgeiz, dem Geltungsdrang, der Selbstbehauptung im weitesten Sinne. Hier wird beschuldigt, gehetzt, bloßgestellt, angeprangert, verurteilt, weil der Moralprediger im selben Maße zu steigen hofft als er andere herabsetzt.

Es liegt diese Art des Fechtens ebenso in der Natur des Menschen wie das Fauchen und Raufen der Tiere und hat vielleicht erst an letzter Stelle zum Ziel die allgemeine Verbesserung der Menschheit. Denn das angebliche Schlechtsein anderer dient ja dem Einzelnen, seiner Sippe, seiner Partei gerade dazu, selbst aufzusteigen. Niemals könnte er sich moralisch über andere erheben, wenn alle gut wären. Weil es ihm bei seiner Moral nicht um das Gutsein der Menschen sondern bloß um sein eigenes Bessersein zu tun ist, kann er in keiner Weise wünschen, daß alle gut wären. Im Gegenteil, er sucht geradezu welche, die für gut gelten, schlecht zu machen, um sich selbst dazu in Kontrast zu setzen.

Daraus scheint zu folgen, daß, aus moralischen Beweggründen, keiner alle Menschen gut sehen will. Zum einen würde das Rührende, Bewegende und Große aus Mangel eines Gegensatzes untergehen, zum andern würde den Aufstrebenden ihre schärfste Waffe entrissen, wenn sie nicht andere schlecht machen könnten, um gegen sie zu glänzen.

Warum wir dennoch zuweilen wünschen, daß alle Menschen gut würden, rührt wohl nur aus unserer allgemeinen Furcht vor den Schäden, die wir von ihrem Egoismus und ihrer Bosheit erleiden könnten — und so träumen wir von einem friedlichen unbehelligten Dasein.