DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

12. Juli 2009

Hier einige Stellen aus Paul Rée, welche sich bequem in unsere Sammlung fügen:

Die Handlungen und Ereignisse im Leben der Menschen scheinen, von außen gesehen, sehr verschieden und mannigfaltig, aber von innen gesehen sind alle durch eine nur kleine Anzahl von Trieben verursacht, nämlich durch den Erhaltungs- und Erwerbstrieb, den Geschlechtstrieb oder die Eitelkeit.

Dazu: Ich würde hier der Eitelkeit den allergrößten Platz einräumen, weil das Verlangen nach Rang und Ansehen dahinter steht und außerdem ein großer Teil des Erhaltungs-, Erwerbs— und Geschlechtstriebes ihr insofern untergeordnet sind, als die darin erstrebten Güter nur wiederum zur Steigerung von Rang und Ansehen begehrt werden.

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Wir versichern, daß die Meinung der Welt uns ganz gleichgültig sei: um von der Welt bewundert zu werden.

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Märtyrer ziehen der physischen Behaglichkeit das Gefühl, bewundert zu werden, vor.

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Unseren Freunden opfern wir manchmal Vorteile, weil unsere Eitelkeit dabei irgendwie ihre Rechnung findet, aber die Eitelkeit selbst (unseren Ruhm, unsere Beliebtheit, unsere Ehre als vornehme Menschen u. Ä.) opfern wir ihnen nie, sondern sind viel eher bereit, sie unserer Eitelkeit zu opfern.

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Die Regungen der Nächstenliebe, des Wohlwollens einerseits und des Neides, der Schadenfreude andererseits, hängen nicht mehr von uns ab, als die Regungen unserer Eingeweide.

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Die Lebhaftigkeit, mit der wir unseren Freunden Rathschläge ertheilen, entspringt weniger aus Sorge für sie, als aus dem Vergnügen, sie zu bevormunden.

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Daß wir freundlich gegen den sind, der von allen Übrigen zurückgestoßen wird, geschieht weniger aus Menschenfreundlichkeit, als weil wir nicht mit der Menge gehen wollen: Wir erlangen mehr Beachtung, wenn wir allein auf die entgegengesetzte Seite treten; außerdem üben wir solche Freundlichkeit nur dann, wenn unser Ansehen groß genug ist, um hierdurch nicht gefährdet zu werden.

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An der Coquetterie findet man Gefallen, theils weil es angenehm ist, Personen des anderen Geschlechtes zu seinen Füßen zu sehen, besonders aber weil man von Personen desselben Geschlechtes um seine Eroberungen beneidet werden will.

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Daß sie keinen Mann haben, schmerzt die Mädchen weniger, als der Gedanke, daß man glauben möchte, sie könnten keinen Mann bekommen.

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Einen unglücklich Liebenden schmerzt es weniger, daß er des Liebesgenusses entbehren muß, als daß ein Anderer ihm vorgezogen ist, und einen glücklich Liebenden freut die Bevorzugung fast immer mehr, als der Liebesgenuß.

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Jede Frau stachelt den Ehrgeiz ihres Mannes, weniger damit er vor anderen Männern, als damit sie vor anderen Frauen hervorrage.

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Die Mädchen lieben stets solche Männer, welche von Anderen schon geliebt werden: Um diesen den Rang abzulaufen.

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Man will die viel Begehrte, um der Vielen Vorgezogene zu sein.

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Die Complimente, welche wir den Weibern machen, sind ihnen schmeichelhaft als ein Tribut ihrer Schönheit, ihrer Liebenswürdigkeit, ihres Geistes, während wir sie doch nur machen, um selbst für liebenswürdig und geistreich gehalten zu werden.

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Man will der Auszeichnung wegen Dem gefallen, dem sonst Niemand gefällt. Daher liebt das weibliche Geschlecht gerade die anspruchsvollen, verachtenden Männer.

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Wenn zu der Liebe, mit der wir nach dem Besitz eines Weibes streben, sich Eifersucht gesellt, so erscheint das Weib uns liebenswürdiger, anmuthiger und schöner, überhaupt um seiner selbst willen begehrenswerther, während wir thatsächlich seinen Besitz nur deshalb jetzt mehr begehren, weil wir Anderen vorgezogen werden wollen.

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Das Band, welches Verlobte sowohl wie Eheleute bindet, ist oft die Furcht vor Scandal.

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Oft glaubten wir eine Person des anderen Geschlechts zu lieben, ihren Besitz zu begehren, wenn wir aus Eitelkeit von ihr begehrt werden wollen.

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Unsere Liebe wächst, wenn ihr Gegenstand auch unseren Freunden gefällt, — weil unsere Eitelkeit nun gleichfalls triumphiren kann.

Unsere Liebe nimmt ab, wenn ihr Gegenstand unseren Freunden mißfällt, weil unsere Eitelkeit jetzt nicht triumphiren kann, vielleicht gar leidet.

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Die Frau ist nicht selten über die Versehen ihres Mannes erfreut, weil sie nun durch Vorwürfe ihre Herrschaft befestigen kann. —

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Taktvolle Menschen, die da fühlen, was Andere verletzt, erscheinen besser, als sie sind. Denn taktvoll handeln sie nicht sowohl aus natürlicher Liebenswürdigkeit, als weil sie nicht für unliebenswürdig gelten wollen.

Taktlose Menschen erscheinen schlechter, als sie sind. Denn sie verletzen allerdings oft, merken aber nicht, daß sie verletzen.

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Die Menschen würden nicht gesellschaftlich mit einander leben, wenn sie ohne Eitelkeit wären.

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Die meisten würden vor Langeweile umkommen, wenn ihre Eitelkeit sie nicht beschäftigte.

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Ob die Welt gut oder schlecht von uns spricht, hängt am wenigsten davon ab, ob wir wirklich gut oder schlecht sind.

Kommentar: Sondern eben davon, wie angenehm wir uns machen, wie nützlich für andere wir scheinen — vor allem zur Befriedigung ihres Geltungstriebes.