DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

6. Juli 2009

Wir wollen Ansehen, um den Weibern zu gefallen und also der Fleischeslust zu genießen, und dann wieder hilft uns ihre Gunst, um Ansehen zu gewinnen.

Ansehen verhilft uns auch zu Geld und Luxusgütern, und auch diese begehren wir nicht bloß des Genusses wegen, sondern um wiederum angesehen zu sein.

Paul Rée bemerkt, daß wir uns am Neid auf Dinge, die unser Ansehen fördern und am Neid auf dieses Ansehen selbst vielmehr erfreuen, als am Neid auf die eigentlich vorteilhaften Dinge (Gesundheit etc.). Daher: Wenn der Neid aus Interesse an den wahren Gütern entspränge, so würden die Zufriedenen und Glücklichen beneidet, da er aber hauptsächlich dem Interesse an Rang und Ansehen entspringt, so beneidet man die Berühmten, Angesehenen und Reichen.

Daraus wird deutlich, daß in Rang und Ansehen überall unser Hauptinteresse liegt und meist noch über den Grundbedürfnissen wie Nahrung und Wohnung steht. Lieber hungern und frieren als ungeachtet und ungeliebt bleiben. Ja selbst der Tod ist ein geringeres Übel, wenn man bedenkt, daß für die Zeit nach unserem Abscheiden uns nicht so sehr das Totsein sorgt, sondern wie die Fortlebenden dann über uns denken mögen. Den einen plagt, wie lange sein Ruhm dauern, den andern ob sein guter Ruf bestehen bleibe, und jeder, der etwas zu vererben hat, wägt hin und her, wie er es richtig verteile, auf daß nicht die zu kurz Gekommenen ihn hassen und sein Andenken verderben könnten.