DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

5. Juli 2009

Einerseits will jeder ein eigener Charakter sein, eine Persönlichkeit, verschieden von allen anderen, originell, selbstbestimmt. Andererseits, wenn man die menschliche Gesellschaft von außen betrachtet, fällt nichts so sehr ins Auge als die Einförmigkeit der Charaktere, der Sitten, der Gewohnheiten und Vorlieben. Wie sie alle in ihrer Freizeit — und also freiwillig — an die selben Plätze eilen, wie sie ihren sauer verdienten Lohn der Mode opfern — nur um gleich zu sein, im gleichen Strome zu schwimmen.

Dieser Hang zur Gemeinsamkeit und Gleichheit ist andererseits aber Voraussetzung für jede Kulturleistung, denn wenn jeder nur sein eigenes Süppchen kochte, würde so etwas wie Kultur niemals entstehen. Es gäbe keine Philosophenschulen, keine Kunstrichtungen, keine Religionen, ja nichteinmal Sprachen, denn diese sind ja die stärkste Gleichmachung.

Selbst ein eigenständiger Geist hätte ohne diese Strömungen keine Gelegenheit etwas Eigenständiges hervorzubringen, er fände keine gängigen Muster, weder sie aufzugreifen noch anzugreifen oder umzuformen, er wäre bloß ein weiteres Körnchen im endlosen Treibsand der Beliebigkeit.