DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

25. Juni 2009

Die Wissenschaft erklärt die Welt, d.h. sie verfolgt verschiedene Pfade, Verkettungen von Ursache und Wirkung, in verschiedene Richtungen und nennt jetzt Ursachen für Phänomene, welche vielleicht früher einem Gotte oder dem Schicksale zugeschrieben wurden. Sie erweitert also das Feld, innerhalb dessen wir Ursachen kennen um einige Schritte — aber sie ändert nichts an unserer grundsätzlichen Lage, daß wir immer noch nicht wissen, was die Ursachen der von uns zuletzt gefundenen Ursachen sind. Diese müssen wir wiederum einem Gotte, einem Schicksal, einem Unbekannten zuschreiben.

Früher hielt man den Donner für die grollende Stimme eines Gottes, heute für elektrische Entladungen und diese für Folgen der Aufladung durch Luftströmungen und chemische Prozesse. Vielleicht haben Meteorologen und Physiker noch ein paar weitere Stufen von Erklärungen in ihren Ärmeln, aber nachdem sie auch diese gezogen, werden sie an den Punkt kommen, wo sie zugeben müssen, diese Dinge seien „noch nicht genügend erforscht“ und müßten einstweilen einer unbekannten Sphäre zugeordnet werden.

So sind wir also ein paar Schritte weiter als der Gottgläubige früherer Zeiten, doch unsere Lage hat sich deswegen grundsätzlich nicht geändert. Es ist wie zur Zeit der Entdeckungen, man findet eine neue Insel, einen neuen Landstrich, vergrößert sein Territorium, vermag aber nichts dagegen, daß hinter diesen Grenzen weiterhin Unbekanntes sich verbirgt. In gewisser Weise wird dieses Unbekannte sogar mehr, weil durch die Ausdehnung des Territoriums sich auch die Grenze ausdehnt. Wenn man in jeder Richtung einen Kilometer hinzugewinnen will, sind ungeheure Flächen zu erobern und, schwieriger noch, zu behaupten. (Wer sich jetzt an meinem Gleichnis stört und einwendet, daß wir ja mit der Eroberung unbekannter Gegenden einmal zu Ende gekommen seien und inzwischen den ganzen Erdball als erobert ansehen könnten, der nehme eben das Weltall noch hinzu oder denke sich ein anderes Gleichnis aus.)

Was ich meine, betrifft aber nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch Psychologie und Philosophie. Wenn wir dort z.B. erkunden wollen, woher die Werturteile der Menschen stammen, wie die Moral, das Rechtsgefühl, die Sünde in uns gekommen, so werden wir vielleicht herausfinden, daß dies alles durch diese und jene gesellschaftliche Entwicklung entstanden und Gott, als Gesetzgeber, nur eine Projektion gewesen. Wir werden finden, daß menschliche Eigenschaften wie Egoismus, Mitgefühl, Liebe, Haß, Geltungsbedürfnis und Selbsterhaltungsdrang die ursprünglicheren Triebfedern alles Moralischen sind.

Fragen wir dann aber weiter, wie denn diese Triebe in den Menschen gekommen, so werden allenfalls noch einige hartnäckige Darwinisten in der Ur- und Vorgeschichte herumstochern, letztendlich aber müssen wir bekennen, daß uns dazu nichts Wissenschaftliches mehr einfällt, daß, weil es doch auch nicht aus dem Nichts entstanden sein soll, wir abermals Gott, die Natur, das Unergründliche und Unerforschbare heranziehen müssen und also sich unsere Lage, nach aller Bemühung der Wissenschaft, nicht grundlegend geändert hat.