DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

24. Juni 2009

In allem Sünden- und Bußwesen sind immer zwei im Grunde einander widersprechende Tendenzen: Zum einen der Drang, die Vergehen als größtmögliche Abscheulichkeiten anzuprangern und die Strafandrohungen so hoch wie nur möglich zu schrauben, zum andern der Versuch, diese Schrauben wieder zu lockern, mögliche Auswege zu öffnen, Gnade, Vergebung, Fatum oder auch nur Erleichterung durch Auflösung in Scherz und heiterem Mitgefühl mit einem Delinquenten hineinzubringen. Wie in der Musik die bizarren Akkorde in lieblichen oder lustigen aufgelöst werden, so verlangt auch das moralische Gemüt immer wieder nach Erlösung.

Die Bibel — übrigens das Alte wie das Neue Testament — wechselt zwischen einem Gott der Drohungen und Verurteilungen, Haßtiraden und Rachbegierde einerseits und des Vergebens, Vergessens, des Großmutes, der Liebe. Auch die griechische Götterwelt schwankt zwischen den grausamen, immer währenden Strafen des Tantalos und Sisyphos, einer Schuld- und Sündensphäre, und der Erleichterung und heiteren Auflösung alles Sündhaften, wenn nämlich die Göttergesellschaft sich eben derselben Vergehen bemüßigt wie die menschliche, dabei doch unversehrt bleibt und so das, was bei den Menschen gemeinhin als scheußlich gilt, mit schalkhafter Leichtigkeit verdaut.

Auch der moderne Humanismus versucht, nachdem er dem Verbrecher eine ganz schwere und möglichst irrationale Schuldenlast aufgeladen, ihn durch Studium seiner Psyche, der ihn zur Tat gedrängt habenden Umstände, verständlich zu machen. Ebenso wird in den besseren Kriminalgeschichten der Mörder als ein Mensch wie du und ich gezeigt, der nur von seinem bösen Schicksal zu seiner Untat getrieben worden.