DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

19. Juni 2009

Großer Irrtum Nietzsches, wo er meint, mit Überwindung des Christlichen Glaubens und schließlich mit der Überzeugung von der Notwendigkeit aller Handlungen werde der Rest von Gewissensbissen verschwinden. Diese sind dem Menschen aber ebenso eingeboren wie sein Streben nach Rang und Einfluß, denn sie sind nichts Anderes als die Furcht vor deren Verlust.

Das Böse, das Anklagen, das einander Angst Machen und sich gegenseitig fürchten, das ganze moralische Wesen ist die lästigste Seite des menschlichen Daseins, aber, in ihren positiven Zügen, wohl auch die erhebendste und insgesamt sicherlich die nötigste, weil, ohne daß sich die Menschen auf diese Weise gegenseitig in Schach hielten, vermutlich alles aus den Fugen geriete, ein Krieg aller gegen alle ausbräche und jeder hemmungslos die eigenen Interessen verfolgte, in Kürze die Menschheit sich hingeschlachtet fände und bis dahin, wenn jeder seine Werte selbst suchen müßte, beziehungs- und richtungslos umherirrte, indem keiner, für sich alleine, herausfinden könnte, was seine eigenen Werte und Nützlichkeiten eigentlich sein sollen.

So ist es besser, sich dem Wahngebilde von allgemeinen Werten unterzuordnen, selbst wenn diese sämtlich irgendwelchen Egoismen entsprungen, besser jedenfalls als keine Werte zu haben und richtungslos zu irren.

Was den Schutz vor Streit und gegenseitigem Totschlag betrifft, so muß man allerdings bedenken, daß ja gerade das Moralisieren gehörig Öl ins Feuer jeder Zwistigkeit gießt, und daß kein Streit und kein Krieg so bitterlich geführt würde ohne die moralischen Begründungen, die den Haß beider Parteien erst so recht entflammen. Wenn der Gegner einmal zum Bösewicht gemacht ist, dann läßt sich mit frischem Mute und genügender Gefolgschaft zu Felde ziehen. Und ihn wird nichts in solche Rage bringen als moralische Anklagen — eben weil sie der wirksamste Schlachtruf des Gegners sind und also die größte Gefahr.