DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

14. Juni 2009

Was den Einzelgänger vom Gesellschaftsmenschen unterscheidet ist nicht, daß jener unabhängig für sich lebte, von den Meinungen, Zu- und Abneigungen der andern unabhängiger wäre, sondern bloß, daß sich bei ihm diese Beziehungen mehr im Innern, in Vorstellungen und Selbstgesprächen abspielen, während der Gesellschaftsmensch dazu den physischen Kontakt, den hautnahen Umgang braucht. Im Grunde aber sind beide vollkommene Gesellschaftsmenschen, eben Herdentiere.

Wohl, insofern auch der Adler nicht ein Herdentier genannt wird, weil er nur für sich, sein Weibchen und seinen Nachwuchs lebt, wäre man versucht, auch für gewisse Menschen anzunehmen, daß ihnen ein kleiner Kreis genügt, der eben noch nicht als Herde zu bezeichnen wäre. Allerdings wissen wir nicht, was in eines Adlers Kopfe vorgeht, eher schon was in der Menschen Köpfe, und da ist sehr zu vermuten, daß sie sämtlich das, was ihnen an realem Umgang abgeht, durch ihre Vorstellungen und inneren Gespräche ersetzen.