DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

9. Juni 2009

Wenn man bedenkt, daß man immer irgendeinem zuwider handelt, irgendeinen kränkt, sich irgendeines Haß oder Neid zuzieht, so dürfte man eigentlich gar nicht handeln. Deswegen meine ich umgekehrt: Man kann alles tun, dessen Konsequenzen man zu tragen gewillt bzw. in der Lage ist — wobei man allerdings gewahr sein muß, daß es nicht leicht ist, im voraus die eignen Kräfte abzuschätzen. Es ist denn auch hauptsächlich die Angst vor dieser Ungewißheit, welche die meisten kuschen läßt. Also: Jeder wird in seinen Handlungen moralisch frei sein im umgekehrten Verhältnis seiner Ängstlichkeit — von welcher aber keiner frei ist.