DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

8. Juni 2009

Gut und Böse im absoluten Sinne gibt es nicht, aber unsere Handlungen bewirken Freude oder Ärger, und diese wiederum fallen auf uns zurück: wir werden geliebt oder gehaßt.

Da sich die meiste Freude des Lebens aus der Liebe und Anerkennung, die wir von andern genießen, herleitet, können wir in summa schließen: Je mehr Freude wir ihnen machen, desto mehr Liebe und also wieder Freude werden wir von ihnen zurückbekommen, desto freudvoller und glücklicher wird unser Leben sein. Im einzelnen läßt es sich freilich nicht so einfach steuern, denn weder über die Freude, die wir ihnen bereiten, noch über die, die sie uns zurückgeben, haben wir genügend Macht, es gibt tausend sichtbare und noch viel mehr unsichtbare Wege, auf denen Lust und Freude von Mensch zu Menschen fließt. Aber, wie gesagt, in summa mag diese Beziehung gelten. Tugend üben, Gutes tun, um andere zu erfreuen, um selbst wieder durch ihre Anerkennung und Liebe erfreut zu werden.

Für einen sich selbst genügenden Menschen, wie er ja von verschiedenen Philosophenschulen als Ideal gepriesen wird, gäbe es keinen vernünftigen Grund tugendhaft zu leben und Gutes zu tun. Von Liebe und Anerkennung anderer, von ihrem Urteil überhaupt wäre er unabhängig und würde nur soviel tun, daß sie ihn nicht geradewegs totschlügen — zu welchem Zwecke die Tugend aber oftmals sogar hinderlich ist, wie das Ende des Sokrates, Jesus usw. belegt.

Diesen sich selbst genügenden Menschen jedoch gibt es nicht, und der von den Philosophenschulen gepriesene Weise ist es am allerwenigsten, denn dieser will ja für seine angebliche „Freiheit von der Meinung anderer“ gerade von anderen bewundert werden, bewältigt für diesen Ruhm die mühevollsten Aufgaben und nimmt unter Umständen gar das Martyrium auf sich.