DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

2. Juni 2009

Als wahrhaft unegoistischen Trieb könnte man ansehen, daß wir zuweilen uns Szenarien ausmalen, wo wir, etwa zu unvorhergesehenem Reichtum gekommen, in Not geratenen Freunden helfen wollten, und zwar inkognito, d.h. ohne Ruhm und Ansehen davon zu erhoffen oder auch nur die Dankbarkeit der Beschenkten zu empfangen. Das wäre dann eine rein unegoistische Handlung.

Allerdings könnte einer einwenden, daß wir Ruhm und Ansehen ja auch gerne bloß in unserer Vorstellung genössen, als einen Ruhm vor uns selbst bzw. vor einem eigens dafür vorgestellten Publikum und wir uns ferner in der heimlichen Aussicht wiegten, daß solche Taten, falls sie denn doch ans Licht kämen, umso mehr bewundert würden.

Er könnte weiter einwenden, daß solche Taten, wenn überhaupt, dann doch eher selten ausgeführt würden, bzw. wir über ihre Zahl ja gar nichts wissen könnten, es somit eher Spiele der Phantasie seien als Beweise real existierender Selbstlosigkeit, daß wir in der Phantasie zwar zuweilen selbstlos handelten — aber selbst hier die narzißtische Bespiegelung noch das wesentliche Element sei.