DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

29. Mai 2009

Neid und Schadenfreude sind die natürlichsten Empfindungen, und jeder hat sie. Der Mensch will sich in der Gemeinschaft behaupten und wenn möglich aufsteigen, darin liegt sein ganzes Ziel und darin seine Lust. Sich Behaupten, Aufsteigen, Fallen geht aber nie absolut sondern immer im Verhältnis zu andern. Keiner ist für sich alleine reich, groß, schön, stark, mächtig — ja, nicht einmal „moralisch gut“ — immer sind wir es nur im Vergleich. Weil aber in diesem Verhältnis, der Position, dem Range, unser ganzes Interesse liegt, müssen wir Freude empfinden an ihrem Schaden — weil ihr Schaden Voraussetzung unseres Vorteils, unseres Aufstiegs ist. Wir müssen Gram empfinden gegen die, die höher stehen, denn sie sind unser Schaden, und also sind wir neidisch und mißgünstig.

Selbst gegen die Armen Afrikas empfindet der wohlhabende Europäer Schadenfreude, die sich im bequemen Gefühl seiner eigenen Überlegenheit kundtut — welches er aber wohlweißlich verbirgt aus Furcht für mitleidlos und also moralisch schlecht zu gelten.

Künstler sind hauptsächlich gegen Künstler neidisch oder schadenfroh, Politiker gegen Politiker, Wirtschaftsbosse gegen Wirtschaftsbosse, Gelehrte gegen Gelehrte, Priester gegen Priester, Philosophen gegen Philosophen, Gute gegen Gute. Nicht das Fach und nicht die Stufe des Erlangten, nicht einmal der Grad der Weisheit befreit von Neid und Schadenfreude, sondern höchstens die Abwesenheit von Ehrgeiz und Eitelkeit. Ob einer allerdings dahin gelangen kann, will ich bezweifeln, und es liegt sicher nicht in unserer Hand, sondern müßte durch Geburt gegeben oder durch souveräne Stellung erlangt oder durch anhaltende Abstumpfung nach vielen Enttäuschungen sich eingestellt haben. Ich will aber nicht daran glauben, und selbst wenn mir ein scheinbar Ehrgeizloser begegnet, bezweifle ich immer noch, daß sein Zustand dauern wird.