DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

24. Mai 2009

Würden Moralgesetze kategorisch und in vollkommener Allgemeinheit gelten, so folgten daraus Paradoxa wie die folgenden:

Moralisch gut ist, was andern nützt, also ist der Altruist der Beste, der Egoist der Schlechteste. — Aber wem sollte der Altruist nützlich sein, wenn es den Egoisten nicht gäbe, wem sollte er geben, wenn keiner da wäre, der nähme? Ist es daher nicht eine Moral der Egoisten, welche nur die andern dazu bringen wollen, ihnen nützlich zu sein?

Ebenso: Wenn materieller Besitz nicht glücklich macht, ja sogar vom höheren Glücke ablenkt, warum dann den Armen aufhelfen, sie dahin bringen, wo kein Glück zu finden ist? Wenn materieller Besitz gar der Seele schadet, wird dann nicht der wahre Egoist sein Hab und Gut wegschenken, dieses Unglück andern aufladen, um selbst glücklicher zu werden? Ist zuletzt sein Schenken nicht böse, weil er den Beschenkten damit schadet?

Auch „Du sollst nicht töten!“ wäre nicht erfüllbar, denn wer neben Menschen auch Tiere und Pflanzen verschonte würde sich selbst damit den Tod geben und also wieder gegen das Gebot verstoßen.