DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

18. Mai 2009

Dem bloßen Zuschauer ist die Moral ein lustiges, unterhaltendes, bewegendes Schauspiel, und wie man im Theater sich mitreißen läßt von Streitigkeiten, Ränken, Heimlichkeiten, Boshaftigkeiten, Selbstlosigkeit, Güte und Heldentum, so ist auch dem, der dem Leben zuschaut, die Moral und das Moralisieren ein Teil — und der subtilste Teil — eines Kampf- und Liebesspiels, welches die Menschheit ihm fortwährend und kostenlos darbietet. Auf dieser Bühne sind die feinsten Kniffe und Hinterhalte, die schlimmsten Niederlagen und die herrlichsten Siege zu bestaunen. Ohne Moral gäbe die Menschheit eine verhältnismäßig dürftige Vorstellung.

Das große Kunstwerk, die Tragödie etwa, befreit zwar insofern von der Moral mit ihren Zwängen und der Enge, als der Betrachter zwar unterhalten aber nicht hineingezogen wird, würde die Moral aber nicht die Hauptrolle spielen, schliefe er gar bald auf seinem Sessel ein.

Und Nietzsche: Wieviel Vergnügen macht die Moralität! Man denke nur, was für ein Meer angenehmer Tränen schon bei Erzählungen edler, großmütiger Handlungen geflossen ist!