DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

12. Mai 2009

Wenn wir andere über andere moralisieren hören, so ist uns dies zuweilen angenehm, zuweilen abstoßend. Entscheidend ist dabei, ob wir uns auf der Seite der Fordernden oder der Geforderten sehen. Im ersten Falle sind wir Kampfgenossen, und der Schlachtruf mag uns aufstacheln, unsere Seele heben wie dem Soldaten beim Sturm. Sehen wir uns jedoch auf der Seite der Geforderten, so ist die Moral ein widerlich Ding.

Wenn einer etwa Keuschheit predigt und die Freizügigen der Sittenverderbnis und aller Abscheulichkeiten zeiht, so werden wir ihn loben und eifrig einstimmen, in dem Maße wir selbst die Keuschheit für unsere Tugend halten — oder vielmehr die Unkeuschen hassen, weil sie unser Territorium bedrohen: denn die liederlichen Weiber könnten unsere eigenen auf den Geschmack bringen, und, falls sie ihn bereits gefunden, schamlose Männer uns desto leichter ausstechen.

Ist uns die Keuschheit dagegen von geringem Belang und eher ein Hindernis, dann werden wir einen solchen Prediger als kleinlichen, verklemmten Menschen verhöhnen — und ihn gleichfalls hassen, weil er Unseresgleichen verurteilt, wir uns also angegriffen und verkleinert finden.