DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

10. Mai 2009

Wenn unsere Furcht vor Gott und seinen Strafen nur die Zusammenfassung und Abstraktion unserer Furcht voreinander ist, so fürchten wir uns nach Abschaffung Gottes eben nur noch voreinander. Wir haben eine Abstraktion abgeschafft, die Furcht aber ist geblieben. Man könnte höchstens noch darüber streiten, ob die Furcht des Menschen vor Gott mehr Würde in sich trug, als wenn sich der Mensch nur noch vor dem Menschen fürchtet, aber dies wollen wir an anderer Stelle beleuchten.

Andererseits strebt der Mensch auch nach Freiheit und will sich dann überhaupt keinem Würdevollen unterwerfen, wird versuchen, alles was ihn zwingen und ängstigen könnte zu überwinden. Daß er dabei seine Ängste und Zwänge gar nicht los wird, nur scheinbare Befreiung, allenfalls noch vorübergehendes Aufatmen erfährt, erkennt er nicht — genau wie einer, der zu Geld gekommen, sich erst einmal der neuen Möglichkeiten freut, nach kurzer Zeit jedoch erfährt, daß er jetzt um so viel mehr ausgibt als er hinzugewonnen und also wieder keinen Spielraum und dieselben Nöte findet wie zuvor.

So ergeht es auch dem, der Gott abschafft oder überkommene Moralvorstellungen: er spürt zunächst Befreiung und frische Luft, ist aber bald wieder am selben Punkte wie ehedem, weil eine neue Moral, meist zur alten nur äußerlich verschieden, die vakante Stelle einnimmt, auf daß die Menschen sich wieder gegenseitig lenken — und natürlich auch plagen können.