DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

3. Mai 2009

Auch wenn es das Böse, im absoluten Sinne, nicht gäbe, wenn das Böse einer Handlung nur darin läge, daß sie andere gegen den Handelnden aufbringt und ihren Rachedurst erregt, wenn Schuld nichts wäre als die Verstimmung gegen den „Schuldigen“ — ausgelöst womöglich durch ein bloßes Gerücht, geboren aus einer Laune — wenn Schlechtes Gewissen nichts wäre als Angst vor ihrer Rache: so bliebe doch alles beim alten und für uns, als an solche moralische Notwendigkeiten gebundene Wesen, würde sich gar nichts ändern.

Moral wäre dann zwar nichts Höheres, Edleres, sondern nur Ausdruck des Gefallens und Mißfallens im Rudel, aber die Wirkungen, das Gute und das Böse, der Glanz und der Schmutz, der Ruhm der Tugend und der Abgrund des Verbrechens, blieben doch genau dieselben.