DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

28. April 2009

Wer nach der Natur lebt, lebt irgendwie, sowie alles in der Natur irgendwie lebt. Es ist nicht richtiger eine Birke zu sein als ein Grashalm, ein Rindvieh nicht besser als ein Fuchs. Alles lebt nebeneinander und durcheinander, ein jedes will sich als Individuum behaupten oder als Gemeinschaft wie Bienen und Ameisen. Mancher Art ist es zu wüten wie der Sturm oder das Raubtier, manche faulen dumpf und friedlich vor sich hin wie Schwämme und Schimmelpilz. Ebenso die Menschen, von denen es so viele Typen gibt als Individuen. Genauso verhält es sich mit unserem Denken. Naturgemäß Denken heißt entweder alles gelten lassen oder nichts gelten lassen, manches gelten lassen, das Andere verurteilen, streng Partei ergreifen oder sich treiben lassen. Alles ist menschliche Natur, man kann nicht fehlgehen, man kann sich mit seiner Position im Rechte fühlen oder vom schlechten Gewissen gemartert werden, weil man dies oder jenes versäume — und gewöhnlich wird man in trauter Regelmäßigkeit zwischen dem Guten und dem Schlechten Gewissen hin und her gezogen. Alles ist Natur, denn es ist Menschennatur und der Mensch ein Teil des Ganzen.

Ob Kommunist oder Faschist, Privatmann oder Volksbelehrer, gleichgültig oder interessiert, alles ist Natur. Wenn ich jetzt alles gelten lasse, den Nietzsche so viel als den Plato achte, Schopenhauer neben Hegel stelle, einen Straßensänger neben Mozart und diese Gleichgültigkeit morgen wieder vergesse, mich von einem guten Gedankenstreiter mitreißen lasse, so ist dies alles Natur und um Nichts schlechter als Natur. Multikulti oder Rassenwahn, farbenprächtiges Korallenriff oder Invasion der Heuschrecken, militanter Atheismus oder religiöser Wahn, asketische Sublimation oder Heiligkeit, es ist Menschennatur, es ist Natur.

Da protestieren sie, mit dieser laxen Einstellung gehe jede Kultur zugrunde, verliere sich in der Beliebigkeit — nun so dürfen sie ja einer Partei beitreten, einen Glauben wählen, eine Kunstrichtung fördern, und vielleicht werde ich morgen dasselbe tun, ja ich habe es bereits zig Male in meinem Leben getan. Eine solche Parteiname ist wie der Ausbreitungsdrang der Gräser, der Bäume und der Vögel. Für oder gegen eines zu sein, für oder gegen alles zu sein, ja selbst gegen alles zu sein, gegen sich selbst zu sein, es liegt in unserer Natur. Etwas gut zu finden oder schlecht, uns selbst gut zu finden oder schlecht, nach Beifall und Anerkennung der anderen streben, Angst vor ihrer Missgunst und Verachtung haben, uns anpassen oder stürmisch voranschreiten, wir werden immer das tun, wozu uns die Natur im Augenblick bestimmt.

Diese Multikulti-Geisteshaltung kann dem Einen Befreiung und Erlösung aus dem Gewissens- und Meinungswirrwarr sein, dem Anderen macht sie Angst, sich zu verirren in der Beliebigkeit, und er wird sie scharf verurteilen. Gut, er soll das tun, er wird eben damit seinen Platz im Ganzen Spiele einnehmen. Demokrat oder Tyrannenfreund, Konsumsüchtiger oder Selbstkasteier, Verschwender oder Geizhals, Fortpflanzer oder Eremit, die Welt hat für jeden einen Platz, auch für den, der diesen Platz streitig macht. Einzig für dasjenige, was es nicht gibt, hat sie keinen Platz.

In dem allem ist viel Tautologie, das ist mir wohl bewusst. Doch Tautologie, wie gesagt, wie sie den einen verwirren, so auch den anderen befreien und erleichtern kann, ja ermutigen, auf irgendeinem Wege fortzufahren, meist demjenigen, den er bereits eingeschlagen. Denn Naturkraft und Kreativität hat nichts damit zu schaffen, dass man die eigene Sache für die beste hält, sondern dass man sie tun will. Die Eiche hält sich nicht für den richtigen oder besten Baum und wird doch gewaltig. Im übrigen glaube ich nicht, dass wir tätig oder untätig werden entsprechend den Ideen, die uns gerade im Kopf herumschwirren, dass einer tätiger und kreativer wird, wenn er Nietzsche liest oder dumpfer und kränker, wenn Augustinus, sondern wenn Triebkraft und Tatendrang in ihm aufsteigt, wird er etwas vollbringen und der eine wird dazu seine geistige Unterstützung bei Nietzsche, der andere bei Augustinus finden. Freilich werden der Boden und die Witterung das Wachstum des Baumes mitbestimmen, aber dies ist nicht ein Problem der Natur im Ganzen sondern des einzelnen Individuums an seinem Ort und in seiner Zeit. Um das Ganze braucht man niemals Sorge zu haben, und wenn einer doch darum Sorge hat, so ist er auch damit wiederum ein Teil des Ganzen.