DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

27. April 2009

Vielleicht besteht ja das Phänomen, welches Erbsünde genannt ward, nur in diesem eigentümlichen Moralverhältnis, in dem die Menschen zueinander stehen: sich ewig gegenseitig anklagen, Schlechtes Gewissen schüren, ewig in der Angst leben, bestraft oder zumindest nicht genug geachtet und geliebt und womöglich aus dem Rudel verstoßen zu werden — aber es ist nicht bloß ein menschliches Phänomen, auch Hunde und Wölfe leben in solchen „moralischen“ Kräftefeldern.

Jedenfalls gibt es kein Entrinnen von der Schuldenlast und den Ängsten, welche die Menschen sich gegenseitig aufladen, sie sind die notwendige Folge des Kräftemessens und der Selbstbehauptung — und nicht weniger erblich als der Nahrungs- und Geschlechtstrieb.