DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

9. April 2009

Der Mensch ist ein Herdentier, und ich meine damit alle Menschen, auch den Individualisten, den Einzelgänger und selbst den Einsiedler. Wenn nämlich die letzteren zwar nicht mit der Herde laufen, so leben sie doch in Gedanken mit der Herde, und es ist ihnen sehr wichtig, ja bedeutet alles, was die Herde von ihnen denkt, und selbst wenn sie es nicht erfahren, wie der Einsiedler, so grübeln sie wenigstens heimlich, was sie von ihnen denken könnte. Der Unterschied zwischen denen, die mit der Herde laufen und denen, die sich absondern, liegt nur darin, daß jene der physischen Nähe bedürfen, diese nur noch der geistigen. Jene müssen sich sehen, hören, tasten, diesen genügen Vorstellungen.

Zwar will man in der Tat zuweilen ganz für sich sein, und dann scheinen die Meinungen der anderen unwichtig, doch werden wir uns selbst in solchen Stimmungen ertappen wie spätestens der dritte Gedanke wieder in die Form eines Zwiegespräches mündet. Wir können im Grunde ja gar nicht anders denken als in solchen Zwiegesprächen, und mit wem sollten wir Zwiesprache halten, wenn nicht mit einem andern, wenigstens vorgestellten Menschen? Und also sind wir schon wieder in Gesellschaft, in der Herde, wo wir uns mit unseren Argumenten verteidigen oder glanzvoll emporarbeiten wollen.

Eitelkeit, Ehrgeiz, Neid, Schadenfreude und wohl noch manche solcher Regungen lassen sich auf das Rangwesen in der Herde, also den Drang etwas zu gelten, die Furcht mißachtet oder ausgestoßen zu werden, zurückführen. Es scheint mir ein Irrtum, daß, wie Paul Rée meint, die Eitelkeit eine Gewöhnung sei, indem materielle Annehmlichkeiten auch Annehmlichkeiten des Ansehens nachsichgezogen hätten, insofern das Angenehme des einen mit dem des andern in Verbindung gebracht worden und daraus die Eitelkeit entstanden wäre — nein, die Eitelkeit, das Geltungsbedürfnis ist der ursprüngliche Trieb des Herdenwesens, die materiellen Güter und deren Annehmlichkeiten sind bloß die Akzidentien — und oftmals nur die Mittel im Dienste der ersteren.