DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

4. April 2009

Die Frage, ob Egoismus eine Tugend oder ein Laster sei, erübrigt sich: Egoismus ist immer ein Laster, per definitionem, denn Moral ist immer Herdenmoral, immer Wertung der Nützlichkeit für die Herde. Wer nur sich selbst nützt, kann moralisch allenfalls neutral sein, unbewertet, niemals aber gut. „Moralisch gut“ heißt eine besondere Form der Nützlichkeit, nämlich die Nützlichkeit nicht für einen selbst, sondern für andere. Diese Form der Nützlichkeit wird von den anderen verständlicherweise geliebt und gelobt und mit der Auszeichnung „moralisch gut“ versehen.

Demgemäß muß der Egoist gefaßt sein, sich unbeliebt, ja verhaßt zu machen, weil er der Welt seine Mitwirkung vorenthält — aber gleichzeitig ihre Dienste sich wohl gefallen läßt. Diese findet sich betrogen und sucht Vergeltung. Als Gegenstück wird der Altruist zwar nicht gehaßt aber dafür oft verachtet, als Schwächling, als einer der sich prellen läßt.

Goethe war kein Altruist, ein Ruf, den eher Mutter Theresa genießt, und doch sind beide im besten Sinne berühmt geworden. Letztlich mag es daran liegen, wieviel Kraft einer in die Welt fließen läßt — denn wer sie nur an sein eigenes Gärtchen wendet, wird schwerlich den Dank der Welt davontragen. Ob er seine Kraft aber im unmittelbar unterwürfigen Dienste oder im Regieren und Lenken oder in künstlerischen, geistigen Werken gibt, ist dabei nicht entscheidend.

Dies bedenkend kann man sagen, daß ein wirklicher und vollkommener Egoist weder geliebt, noch geachtet, noch berühmt werden könnte. Aber einen solchen gibt es vermutlich nicht, denn selbst wer den einen als vollkommener Egoist gilt, gilt andern durchaus gutmütig und wohltätig, wird geliebt oder bewundert. Allen verhaßt zu sein kann sich keiner leisten, es bedeutete seine Verstoßung aus der Herde, seinen Untergang. Wenigstens in Gedanken muß er welche finden, die sein Tun für nützlich und gut halten und ihn dafür gelten lassen.