DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

1. April 2009

Nietzsche: Psychologisch nachgerechnet werden in jeder priesterlich organisierten Gesellschaft die Sünden unentbehrlich: Sie sind die eigentlichen Handhaben der Macht, der Priester lebt von den Sünden, er hat nötig, daß gesündigt wird. Oberster Satz: Gott vergibt dem der Buße tut. Auf deutsch: Dem, der sich dem Priester unterwirft.

Nietzsche meint, dies sei „naturwidrig“ und allein der Priester Art. Wir aber sehen, da die Priester inzwischen auf weiten Gebieten ihre Macht eingebüßt, daß es nicht am Priester und nicht am Glauben und nicht an der Religion liegt, sondern am Menschen: Für den Menschen ist die Sünde unentbehrlich, nämlich die Sünde der Anderen. Der Mensch hat nötig, daß gesündigt wird, denn damit bzw. mit dem Schlechten Gewissen und den Schuldgefühlen werden die andern zahm, mit Schuldzuweisungen im Zaum gehalten. Das ist ein Machtspiel zwischen Menschen, der Priester allenfalls ein Professioneller, der sich das, was jeder tut, zum Berufe macht, durch höhere Fertigkeit womöglich zusätzliche Macht erlangt. Aber auch andere Prediger, Philosophen, Politiker, überhaupt alle Weltverbesserer treiben es seit allen Zeiten als Profession.

Alles Moralische, samt seinen Übergebäuden von Göttern und Teufeln, ihren Himmeln und Höllen, läßt sich zurückführen aufs Menschliche, aufs Tierische, auf triebhafte Ängste, auf Macht- und Geltungswille. Der Mensch fürchtet um seinen Rang im Rudel, kämpft, um ihn nach Möglichkeit zu steigern. Dabei ist ihm die Moral ein Mittel zur Einschüchterung des Untergeordneten, des Konkurrenten, ja selbst des Höherstehenden.

Jede moralische Forderung heißt im Grunde: „Wenn du nicht in meinem Sinne handelst, wirst du Strafe leiden, und sei es nur durch Entzug meiner Achtung und Zuneigung!“ Jeder Vorwurf bedeutet: „Du hast dich nicht gefügig gezeigt, nimm nun den Entzug meiner Liebe und Fürsorge, ich verstoße dich einstweilen aus unserem Kreise und werde dazu bei den andern Mitgliedern gegen dich hetzen!“

Der Mensch hat, um seine Interessen durchzusetzen, zusätzlich zur Körperkraft den moralischen Instinkt. Er sagt nicht nur: „Laß das, du schadest mir, ich werde dich schlagen“, sondern: „Du schadest überhaupt, du bist böse, lädst Schuld auf dich, aber eine unsichtbare Macht, Gott oder die Humanität der ganzen Menschheit wird mich rächen und dich bestrafen.“ Selbst der Kleinste, Schwächste, der sich sonst gar nicht wehren kann, setzt hier seine winzige Kraft an einen unermeßlichen Hebel und läßt den Stärksten noch erzittern — schafft ihm Schlechtes Gewissen.

Und daß er diesem Mittel zusätzliches Gewicht verleihe, stellt er es als Forderung eines allmächtigen Gottes dar, dessen Gerichtsbarkeit sich keiner entziehen könne. Zugleich streift er damit jeden Verdacht von sich, private, egoistische und also bloß menschliche Motive stünden hinter seinem Eifer, welches ihn, als einen Begierigen, in etwas Mangel Leidenden wiederum angreifbarer machen würde. Stattdessen: „Nicht ich habe nötig, daß du dies erfüllest, sondern der Allmächtige, Unbestechliche hat erklärt es sei das Gute, dem du folgen müssest, andernfalls du in seine Ungnade fielest und verdürbest!“

Wenn wir durch Für-tot-Erklären des unbequemen Herrn und Abstreifen der lästigen Ideale auch den Druck loswürden, den die andern mit ihrer Moralinsäure auf uns üben, dann wäre ja ein Stückchen Freiheit und frische Luft gewonnen — aber dem ist nun in keiner Weise so. Die Moralinsäure wird sich immer einen Weg bahnen und eine offene Stelle finden, wo sie ätzen kann. Welcher göttlichen Gebote oder neu in Mode gekommenen Werte sie sich dazu bedient, ist im Grunde unerheblich. Daß wir voneinander abhängen, nicht nur physisch, nicht nur materiell, sondern allumfassender und allgegenwärtiger noch von unserer gegenseitigen Wertschätzung, das ist die offene Seite, die wir bieten, dort kann die Moral als Waffe ansetzen. Nicht Gott oder ideologische Zwangsjacken müßten wir abschaffen, sondern unsere Abhängigkeit vom Urteile der andern — aber dazu sind wir nicht angelegt.