DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. März 2009

Moralisieren und Schlechtes-Gewissen-Machen ist vorrangig das Kampfmittel der Schwachen — sollte man meinen — und tatsächlich verstehen sich die Weiber vortrefflich darauf. Aber auch bei den Rührigen des Staates und der Kirche war es zu allen Zeiten eine bewährte Taktik, sich in der Arena hervorzutun und Anhänger zu mobilisieren: Man definiert ein Gutes und ein Böses, schafft daraus Freund- und Feindbild und teilt die Welt entsprechend ein. Weil die meisten den Schutz der Gruppe suchen, sich fürchten, Sympathien zu verlieren, zu den Schlechten gezählt, angeklagt und verfolgt zu werden und auch bereits ihre Antipathien mitbringen, d.h. lieber selbst anklagen und verfolgen, wird sich schnell eine ansehnliche Gefolgschaft finden, und also zieht man ins Gefecht und erobert eine Stellung.

Die einen suchen sich mit Sachlichkeit hervorzutun, die andern mit Gefühl — und dieses muß an Schärfe jener keinesfalls nachstehen, denn die Fühlenden lassen sich leichter aufwühlen und als Gefolgsleute gewinnen, als die Denkenden. In beiden Fällen aber ist das Hauptmotiv des Moralisierenden, sich selbst durch Anhängerschaft zu stärken.

Nicht das Gute zieht uns hinan, sondern wir benutzen das Gute, um uns hervorzutun — auf Kosten anderer.

Als expliziter Verfechter des Guten — auch eines eben erst erfundenen Guten — zählt man selbstredend zu den Guten und glänzt umso mehr, je schwärzer man das Böse und die Bösen malt.

Deswegen verwenden es Politiker bewußt als Strategie und in der Propaganda, oder unbewußt, aus Angst vor den Rivalen. Die einen fürchten sich vor dem Aufbegehren der unteren Schichten, die andern vor der Übermacht der oberen. Es gilt jetzt, den eigenen Reihen zu schmeicheln und die andern zu verunglimpfen. Womit gelänge dies besser als mit Moral, d.h. indem man die Motive der eigenen Partei umformt zu höheren, überparteilichen, dem allgemeinen Interesse, ja einem absoluten Guten, der Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Göttlichkeit entsprungenen. Die Motive des Gegners reduziert man hingegen auf das Egoistische, d.h. Enge, Kleine, nur der einzelnen Person oder einem kleinen Kreise Dienende, den übrigen und dem „Ganzen“ aber Schadende, den genannten Idealitäten Entgegenstehende und folglich — Böse.