DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

25. März 2009

Die Auffassung, daß alle Moral aus dem menschlichen Triebe der Selbstbehauptung, aus dem Ehrgeiz aufzusteigen, aus der Angst vor Verstoßung sich herleitet, heißt aber nur, in der Kausalitätskette ein Glied weiter gegangen zu sein. Hingegen einen letzten Grund und Ursprung der Moral erforschen und begründen zu wollen wäre, als wolle man die Schwerkraft begründen, die elektrische Polarität, Licht und Finsternis und dergleichen Gegensätze. Man kann mit Hypothesen, Gleichnissen und Bildern hier einiges zusammenreimen und anschaulich machen, muss aber letztlich bekennen, daß es sich um Naturkräfte handelt, die aller Bewegung und aller Starre dieser Welt zugrunde liegen, über deren Berechtigung oder Notwendigkeit, Sinn und Überwindbarkeit es müßig ist zu streiten.

Der Mensch mag sich winden, wie er will, er kommt aus diesem Kräftefeld von Gut und Böse nicht heraus — denn es ist Teil jenes größeren Kräftefeldes, des Willens zum Dasein, zur Selbstbehauptung, zur Macht. Vielleicht ist es Heiligen oder fernöstlich Erleuchteten gelungen, sowie ihnen gelungen sein mag, die Schwerkraft zu überwinden, ihren Körper nicht mehr zu spüren, über dem Boden zu schweben und dergleichen Wunderdinge. Die meisten bestaunen zwar Derartiges, würden es selbst aber nicht haben wollen, bei aller Erlösung, die es vielleicht brächte. Sie müssten sich dazu nämlich aus dem typisch Menschlichen herauslösen und also ihre angetraute Umgebung, Gesellschaft und Geselligkeit verlassen.