DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

20. März 2009

Mancher fürchtete, wenn Gott und Religion abgeschafft wären, daß dann auch alle Moral verschwände und die menschliche Gesellschaft vollends ins Chaos stürzen müsse. Wenn erst die Furcht vor jenseitigen und ewigen Strafen fehlte, könnten Polizei und Gerichte dem Zerfall nicht mehr steuern, und selbst das Zwischenmenschliche, wo es um Vertrauen, Ehrlichkeit und Anständigkeit ginge, wäre ohne den Respekt vor höherer Gewalt nicht in erträglicher Ordnung zu halten.

Diese Befürchtung hat sich nun, da die meisten Staaten säkularisiert und auch die Volksmassen sich zu großen Teilen von religiöser Autorität gelöst haben, nicht erfüllt. Die Menschen und die gesellschaftlichen Ordnungen sind vielleicht nicht besser aber auch nicht nachweislich schlechter geworden (obwohl immer die einen behaupten, früher sei alles besser gewesen, während die andern glauben man habe unendliche Fortschritte getan).

Andererseits hielten sich die Aufklärer und Gottestöter berufen, die Menschheit aus einer dunklen Gefangenschaft zu befreien, aus fressenden Gewissensplagen und Angst vor Höllen und Teufeln. „Werdet mündig, laßt euch nicht mehr einschüchtern vom drohenden Pfaffengeschwätz, gebraucht eure Vernunft, dann seht ihr selbst was gut und schlecht ist und braucht nicht mehr ducken vor den Geißeln düstrer Mächte!“

So wenig jedoch wie die Befürchtung vom Zerfall der Sitte hat sich diese Verheißung erfüllt. Man kann nicht durch Überwinden der Furcht vor übersinnlichen Mächten auch die Furcht loswerden „nicht zu genügen“. Das Schlechte Gewissen ist heute so guter Dinge wie eh und je, und Psychologen, Psychotherapeuten, Esoteriker, Lebenshelfer und Philosophen beißen sich noch immer die Zähne aus, wie sie den Menschen aus dieser Schmach und Sklaverei befreien und ihm also die einzige Freiheit verschaffen könnten, nach der ihm in Wahrheit dürstet.

Daraus scheint sich zu erweisen, daß sämtliche Gewissensplagen nicht aus der Verantwortung vor Gott und Furcht vor seinen Strafen herrühren, auch nicht aus der Furcht vor ewigen Wiedergeburten und nichteinmal aus der Furcht, die Vernunft, die Natur oder die Würde des Menschen zu verletzen, sondern daß all diese Heiligkeiten samt den dazugehörenden Strafkatalogen nichts Anderes sind, als menschliche Kreationen zum Zwecke, sich gegenseitig in Schach zu halten.

Es kommt zumindest heraus, daß auch wenn kein Gott im Spiele ist und auch sonst keine Ewigkeiten oder metaphysischen Strafsysteme, bei den ganz und gar Ungläubigen, daß auch bei ihnen die Gewissensplagen in keiner Weise nachlassen, sondern eben nur noch auf der Furcht vor Menschen beruhen.

Nach dieser Auffassung wäre die Existenz Gottes zwar nicht widerlegt, aber doch für das ganze Gewissens- und Moralwesen überflüssig, weil die Menschen, auch ohne an einen Gott oder eine überzeitliche Gerechtigkeit zu glauben, sich gegenseitig nicht mehr Böses antun, indem sie sich vor den irdischen Konsequenzen schon genugsam fürchten. Demnach wäre, was die Moral betrifft, alle Religion ebenso bloß eine Erfindung des Menschen, eine Spielart der wechselseitigen Drohungen zur Eindämmung des Übermutes.

Weil diese regulativen Kräfte in ihrer Summe immer etwa gleich bleiben und, falls die eine Kraft, etwa die religiöse, sich verliert, die anderen dafür desto stärker wirken, daß, wenn wir nicht mehr vor der Hölle und ewiger göttlicher Verdammnis zittern, uns dafür die Angst vor Liebesverlust, Unwillen, Verachtung, Haß, Rache, Kerker und Strang im Nacken sitzt, deswegen bleibt auch, in der Summe, das Schlechte Gewissen unter den Menschen immer gleich.