DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

17. März 2009

Keiner macht sich unbeliebter, als wer geradewegs behauptet, er habe sich nichts vorzuwerfen, sei mit sich zufrieden und stehe in niemandes Schuld. Die Selbstgerechten, auch wenn sie keinen Schaden stiften, waren schon immer das Ziel moralischer Anklage, obwohl sie doch gerade das erreicht zu haben scheinen, was sich jeder wünscht: ein reines Gewissen, die Seele in Harmonie und Einklang mit sich selbst und unantastbar wie ein Gott. Anstatt sie aber zu bewundern, hält man sie für eingebildet, überheblich, gefühllos, besserwisserisch, egoistisch — und haßt sie dafür. Nur wenige sind damit zu Ruhm und Ehre gelangt.

Vollends wenn so ein Selbstzufriedener uns belehren will, wie auch wir dorthin gelangen könnten, erregt er unsern Widerwillen. Er gibt vor, in einer Disziplin, die uns doch allen am Herzen liegt, unvergleichlich besser zu sein — und wir um so vieles schlechter — er setzt sich im Range hinauf, gibt sich als Kollege der Götter, weist uns einen Platz weit unter sich, demütigt uns noch mit seiner Versicherung, daß es ihm einst ebenso kläglich ergangen sei, daß er aber mit seinen Einsichten, seiner Lehre alles hinter sich gelassen, alles überwunden habe und jedem nur raten könne, dasselbe zu tun — d.h. ihm nachzufolgen und also seine Göttergleichheit zu bezeugen.

Jedoch finden solche auch immer wieder glühende Verehrer, Verehrerinnen, die ihre Chance sehen, in diesem Lichte mitzuglänzen.