DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

12. März 2009

„Höre auf dein eigenes Gewissen, nicht darauf, was die andern von dir erwarten!“ — soll heißen: im Gewissen ist eine von menschlichen Interessen unabhängige Instanz, eine Stimme Gottes, ein kategorischer Imperativ, ein unbestechliches Empfinden für das Gute.

Nach den hier angeführten Betrachtungen ist diese Aufforderung aber ganz und gar widersinnig, weil das Gewissen ja nichts Anderes ist, als gerade die in uns tönende Stimme der andern, mit der sie ihre Interessen anmelden und mit Strafen drohen, falls man nicht entgegenkommt. „Höre auf dein Gewissen“ heißt: „Höre auf deine Vorstellung von den Wünschen der andern, versuche zu erahnen was ihnen gefallen könnte — und zittere vor ihrem Unwillen und ihrer Rache!“

Solche Rede wird denn auch oft genug angewandt, den andern mit der angeblichen Autorität seines eigenen Gewissens zu nötigen: „Würdest du auf dein Gewissen hören, so fändest du, daß ich Recht habe, daß ich nur verlange, was mir zusteht!“