DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

8. März 2009

Schlechtes Gewissen ist kein Teil eines höheren moralischen Vermögens, sondern nichts als die Angst vor Nachteil und Strafe auf Erden. Daß man ein solches Gepäck gerne los wäre, ist nicht verwunderlich, es ist schließlich erniedrigend, vor seinesgleichen zu kuschen und zu zittern. Auch daß sie so ohne Maß über unsere Gedanken verfügen, uns zur Ausarbeitung aller denkbaren Verteidigungsreden treiben bis wir uns hundertmal vorsagen, wir hätten doch im Grunde nichts verbrochen und also nicht nötig, uns zu rechtfertigen, ist äußerst schmachvoll. Aber wir arbeiten folgsam weiter an den Beweisen, die wir ihnen entgegenwerfen könnten, sollten sie uns morgen mit Vorwürfen und Anklagen überfallen.

Und dies ist sehr zu fürchten, weil alle stets beschäftigt sind, sich gegenseitig klein zu halten und dazu keine Waffe dienlicher scheint als Vorwürfe und Anklagen, kein Ziel willkommener als der andern Schlechtes Gewissen.

Die Frommen zeigen auf die Gottlosen, die Keuschen auf die Geilen, die Rechtschaffenen auf die Strolche, die Anhänglichen auf die Lieblosen, die Menschlichen auf die Groben, die Fleißigen auf die Faulen, und selbst die Leichtsinnigen finden noch ihren Widerpart an den Spießern und Philistern. So hat jeder einen, den er beschimpfen, anklagen und verachten kann, und jeder hat viele Angreifer und heimliche Feinde.

Wir sind gänzlich ausgefüllt von der Sorge, entweder nicht zu genügen oder zu kurz zu kommen. Beides läuft hinaus auf die Frage: Wie werden wir geachtet? Wie stehts um unsere Position? Hegen die andern Haß und Rachsucht gegen uns, weil wir ihren Rang beschädigten, oder verachten sie uns, weil wir schwach sind und uns benutzen lassen? Droht uns Aufruhr, Revolte, Exil oder Demütigung, Sklaverei, Verstoßung des Kränkelnden? Es ist letztlich der Kampf um die Macht.

Der Weg dahin ist vielfach: Dem Weibe etwa zählt die Beachtung seiner Leistungen weniger als dem Manne, es will schön, begehrt, geliebt sein, weil dadurch seine Position steigt, daraus sein Rang sich ableitet. Einer Schönen liegt die Welt zu Füßen, die Männer drängen sich um das Privileg, vielen Schweiß für sie zu vergießen und womöglich Blut. Die Häßliche hingegen muß einigen Ersatz aufbieten, um zu ihrem Teil zu kommen. Der Wille zur Schönheit ist des Weibes Wille zur Macht. Einem Weib zu sagen: Ich liebe dich nicht, begehre dich nicht, aber achte dich sehr, ist so kränkend als dem Manne das Gegenteil.

Der ewige Kampf um höheren Lohn sowie der Neid gegen die Reichen, hat zum hauptsächlichen Grunde nicht die blanke Not oder die Begierde nach eitlem Kram, sondern die Sorge um den Rang. Es ist erniedrigend zu arbeiten und mitanzusehen wie ein anderer davon reicher wird. Nicht die Arbeit selbst ist erniedrigend — allenfalls unbequem — und auch der Reichtum des Reichen müßte, für sich gesehen, kein Problem sein, aber es ist die sich verschiebende Rangordnung, was das Gemüt in Aufruhr setzt, der eigene Rang wird niedriger im Verhältnis zu dem der steigt, und darin liegt die Erniedrigung, die Kränkung. Jeder will in seinem Range, d.h. im Verhältnis zu den andern, möglichst steigen oder jedenfalls nicht sinken, und daraus werden die Händel unter den Menschen geboren. Die Begierde nach mehr Konsumgütern kommt meist erst mit den zur Verfügung stehenden Mitteln — zuvor waren es nur süße Träume. Außerdem dienen die Konsumgüter oft genug ja gar nicht dem eigenen Genusse, sondern wiederum der Erhöhung des Ranges: Das schöne Auto macht Eindruck auf Frauen und schüchtert die Konkurrenten ein, das eigene Haus, die Ferienreise bindet das Weib an den Luxus und damit an den Gatten (wenigstens solange kein besserer kommt).

Überhaupt, etwas vorzeigen, gewähren, hebt die eigene Stellung, gibt Größe; ebenso Großmut zeigen, schenken, entgegenkommen, höflich sein, Lob und Komplimente verteilen. Es bereitet Lust, weil es den Geber mehr erhöht als den Nehmer, es macht seine Güter, seinen Überfluß der Güter allererst sichtbar und zeigt einen höheren Reichtum als der Geizige je erreichen kann. Wenn dieser beneidet wird, so jener auch noch bewundert und vielleicht geliebt.

Es erfinden die Menschen köstliche Methoden und psychologische Schleichwege, um sich selbst und die Andern zu überzeugen, daß sie kein Schlechtes Gewissen hätten, und wenn man sie reden hört, könnte man tatsächlich glauben, sie seien ganz mit sich und ihrem Tun zufrieden, ihr Leben ausgefüllt mit Sinn und Arbeit, rechtschaffen in den Grenzen der Vernunft — außer wenn entschiedener Nachteil droht.

Wie weit dies beim einzelnen zutrifft, ist natürlich von außen schwer zu erkennen und mancher mag‘s selbst nicht wissen, weil er sich gar zu eifrig beredet, unter dem Zwang, vor sich und der Welt nicht als Sünder und nicht als Schwächling dazustehen. Wer nämlich sein Schlechtes Gewissen zugibt, gesteht der nicht bereits seine Schuld? Offenbart er nicht, daß er vor anderen duckt, sich vor ihren Repressalien fürchtet, ein Feigling, ein Wurm?

Das geht bis hinauf zu den trefflichsten Philosophen, von denen einer sich die Finger wund schrieb, um zu beweisen, daß der edle und vornehme Mensch kein Schlechtes Gewissen kenne, welches nämlich bloß ein Affekt der Herdentiere und des Pöbels sei.

Nur leider fürchte ich, es ist so leicht nicht fortzuschaffen, in dieser Frage sind wir alle Pöbel, und selbst der Edle und Hochgesinnte wird es sich nicht ganz vom Halse halten können.

Auch meine ich, daß es ganz in unserer Natur angelegt ist und von dort aus erst seinen Eingang in die verschiedenen Religionen und politischen Ideologien gefunden hat, wo es dann nicht selten als Mittel zur Dressur und Leitung der Menge Anwendung findet. Dieses Schwert hat allerdings auch seine zweite Schneide, denn Vorwürfe bewirken zwar das Schlechte Gewissen und machen den andern insofern klein und fügsam, aber, wie jeder Angriff, wecken sie auch Widerstand und Aggression. Die Ratte ist ein furchtsames Tier — bis sie in eine Ecke getrieben wird.

Sieht aber einer sein Gewissen tatsächlich ruhig, so sollten wir‘s ihm herzlich gönnen, es ist ein wahres Geschenk der Götter, ein Glücksfall, nicht bloß für ihn selbst. Ein freier, selbstbewußter Mensch ist immer ein Gewinn für die Menschheit. Aber leider, außer bei Kindern, lassen wir‘s nicht gerne gelten.