DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

4. März 2009

Nach eigenen Maßstäben handeln, sich nicht nach dem Gerede und der Meinung anderer richten, gilt in unserer Zeit geradezu als Maßstab moralischer Integrität, als Ehrensache und Zeugnis der Selbstachtung, und jeder, der auf sich hält, wird es für sich in Anspruch nehmen.

Auch ich hielt mich immer für einen freien Menschen, der nicht nach herrschenden Meinungen, dem Gerede der Nachbarn, den launischen Ansprüchen der Nächsten frägt, und ich glaube, daß ich auch allgemein in dem Rufe stand, ein besonders ausgeprägter Individualist zu sein, der sich eher in den Eigensinn verirrt als in der Anpassung verliert.

Aber selbst einem so Beschaffenen enthüllte sich, nach eingehender Selbstbeobachtung, ein ganz anderes Bild: daß nämlich in Wahrheit das Gegenteil der Fall ist, daß kaum weniger als neun Zehntel seiner Sorgen — und auch der Mühen — darin bestehen, wie er es den andern recht machen könne, wie ihren Ansprüchen genügen, wie ihnen gefallen, sie nicht enttäuschen, nicht verärgern, nicht ihre Zuneigung verlieren, ob er in ihrer Runde mit Geist glänzen und Lacher erzielen könne oder sich durch Blödigkeit blamiere, ob er für schön, redlich oder falsch gehalten werde oder womöglich gar ihren Haß und ihre Rachsucht auf sich zöge, wenn er keine Extravaganzen ausläßt, nur um der Welt kundzutun, daß er ganz er selber sei, auf die Meinung der Menge pfeife, aber dennoch sich mehr um anderer Meinung willen abmüht als jeder Duckmäuser und Spießer, wenn er selbst in diesem Augenblick noch sich bei Dir, dem Leser, hervortun will mit seiner außergewöhnlichen Offenheit und Selbsterkenntnis — wenn also dieser eingebildete Freie bei näherer Betrachtung sich als ein bis zu solchem Grade Unfreier entpuppt, dann neige ich stark zu der Vermutung, daß es um die Freiheit und Unabhängigkeit der übrigen nicht besser bestellt ist, daß auch sie an der Gunst ihrer Artgenossen hängen wie an ihrem Lebensfaden — nicht wegen besonderer Schwäche oder Feigheit, sondern weil es der Menschennatur ganz ursprünglich und eigentümlich eingegeben ist.

Ich halte es auch für eine romantische Vorstellung, daß der vornehme, große, tüchtige, kriegerische Mensch sich des Schlechten Gewissens entledigen könne. Er wird davon, in seinen Bereichen, und mögen sie noch so hoch und herrlich sein, ebenso heimgesucht wie der kleine Mann in seinem Winkel. Seine Werke mögen den Anschein haben, als habe er die Kleinlichkeiten der menschlichen Seele überwunden, aber seine Werke spiegeln nicht sein tägliches Leben wieder, sondern dessen künstliche äußere Form, il est indigne des grands cæurs de répandre le trouble qu’ils ressentent. Auch der bedeutende Mensch bleibt von schlechter Laune, Naschlust, Geilheit, Harn- und Stuhldrang nicht verschont, obwohl es mit dem Bilde seiner Größe schlecht zusammengeht, warum sollte er gerade von dieser Seelennot entbunden sein?

Nach allem Anschein sind davon nicht einmal die Hochmütigen, ja nicht einmal die Einsiedler frei, denn worum sollte sich ihre Gedankenmühle drehen, wenn nicht um die Frage, wie sie in der Welt dastehen? Man glaubt, sie seien nur ums eigne Wohl besorgt, und indirekt ist es auch so, denn ihr Wohl ist das Wohlwollen der andern.