DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

1. März 2009

Moral heißt: Gut ist, was nützlich ist. Das hat Hume mit aller Deutlichkeit gezeigt. Der Mensch sucht seinen Vorteil, aber der Mensch ist nicht bloß ein Individuum, sondern auch ein Herdentier, er fühlt bis zu einem gewissen Grade mit andern mit, als sei er mit ihnen zu einem einzigen Individuum verschmolzen. So kann er sich mit ihnen freuen, für sie freuen, auch wenn ihn selbst in diesem Augenblick kein sichtbarer Vorteil trifft, kann mit ihnen leiden, auch wenn ihm selbst nichts fehlt. Er kann sich sogar für andere opfern, was zum Teil seinem persönlichen Ruhm und Ansehen dient, zum andern aber, weil ihn schlicht ein Herdentrieb, mütterliche, väterliche Fürsorge, Verliebtheit, Gefolgschaft dazu hinreißt. Solches gemeinschaftliches Empfinden wird naturgemäß von der Gemeinschaft gelobt – weil es ihr nützt.

Wenn uns die Beschreibung des Moralischen mit hochtrabenden Idealen und religiösem Tand zuwider ist, können wir alles auf solche Gemeinschaftstriebe und Instinkte zurückführen. Der Mensch, indem er sich um andere sorgt, ist dann nicht weniger auf eigenen Vorteil aus, nicht besser in dem gebräuchlichen idealen Sinne, weil sein Gemeinschaftstrieb ihm die Sorgen und Bedürfnisse der andern erscheinen läßt wie sonst seine eigenen, er bleibt Egoist, nur der Kreis seines Egos erweitert sich. Er wird allerdings als ein Besserer gehandelt von denen, deren Vorteil er dabei befördert.

Egoismus/Altruismus im Grunde dieselbe Sache, nur einmal das Individuum betreffend, das andere Mal eine Art erweitertes Individuum, eine Zusammenschmelzung mehrerer Individuen zu einem gemeinsamen Interessengebilde. Wie mehrere Körperteile, mit dem selben Bedürfnis nach Nahrung und Betätigung, einen Menschen bilden, so können mehrere Menschen in ihren Bedürfnissen und Interessen wie ein Mensch fühlen: In der Eltern- und Gattenliebe, Freundschaft, Parteibegeisterung, Nationalgefühl, Religionsgemeinschaft.

Kaum wird solche Verschmelzung bis zur allgemeinsten Sympathie mit der gesamten Menschheit führen, weswegen die Idee des Humanismus in ihrer allgemeinsten Form doch eher eine Gedankenkonstruktion bleibt.

Feststeht, daß gewöhnlich ein Konterpart da sein muß, von dem man sich abgrenzen kann, um sein eigenes Wesen zu bemerken, sich seiner selbst bewußt zu werden. Man will ja Gründe haben, warum man der einen Religion eher angehört als der andern, der einen Partei den Vorzug gibt.

Im Grunde ist die Interessenverfolgung eines solchen Überindividuums nichts Anderes als diejenige des egoistischen Einzelwesens, nur eben in erweitertem Rahmen.