DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

26. Februar 2009

Das schlechte Gewissen ist ein gar lästig Ding, und jeder würde sich gern davon befreien. Es verfolgt uns an jeden Ort, fesselt die Gedanken, macht ängstlich, verwundbar und klein. Und warum? Wegen der Sünde gegen Gott, seiner Rache am Jüngsten Gericht? Oder, ohne Gott, wegen Mißachtung eines objektiven Guten, einer höheren Vernunft, eines Kategorischen Imperativs, einer naturgegebenen Bestimmung des Menschen, der Menschlichkeit, Humanität, sozialen Verantwortung, einer Rache, die aus unergründlicher Tiefe unserer Seele als Schuld heraufsteigt, uns mit der Welt und uns selbst entzweit und bis ans Ende unserer Tage niederdrückt? — Oder weil wir schlichtweg Angst haben vor den konkreten, handgreiflichen Folgen unseres Tuns, weil wir zittern vor dem Tadel, der Verachtung, der Züchtigung und was uns sonst von unseren Artgenossen blüht?

Der erste Grund, die Sünde gegen Gott, hat freilich Größe, ist gewaltig, dramatisch im künstlerischen Sinne. Der zweite Grund, der Verstoß gegen die Menschlichkeit und dergleichen, hat immerhin noch Pathos für Philosophen, Politiker und Wissenschaftler. Der dritte Grund, die bloße Angst vor den Artgenossen, kommt in diesem Vergleich prosaisch und banal, ja schäbig daher. Und doch, obwohl ich die ersten beiden nicht abtun will, was immerhin bedeuten würde, einige tausend Jahre menschlicher Sitten, Religionen und Philosophien umzuwerfen und wenigstens zweihundert Jahre aufgeklärten Denkens und Forschens, werde ich hier doch zunächst dem dritten Wege folgen — nicht zuletzt weil er mir der einfachere und meinen Kräften gangbarere scheint.

Zu dieser Wahl hat mich nicht so sehr theoretische Überlegung geleitet und auch nicht Vorliebe und Intuition, denn sonst hätte ich unbedingt zuerst den Weg der Größe, der Tiefe, der langen und schweren Bedeutsamkeit gesucht — statt im Sumpfpfade alltäglicher Empirie zu waten. Aber Erlebnisse und Beobachtungen am eigenen Leib, an der eigenen Seele haben meine Vorstellung vom Gewissen aus der Höhe ziemlich herabgezogen, und nun muß sie wohl eine Zeit durch Niederungen gehen, bis ihr vielleicht einmal wieder Flügel wachsen.

Wenn ich meine ärgsten Gewissensplagen im Rückblick durchleuchte, dann finde ich immer eine außer mir liegende Bedrohung, eine zu fürchtende Bestrafung gleich welcher Art, meistens durch Menschen, selten durch Gott. Was wird man mir vorwerfen, wie kann ich mich rechtfertigen, soll ich bei meiner Absicht bleiben oder, um mir nicht Mißmut, Zorn, Neid oder Verachtung zuzuziehen, mich lieber anders besinnen? Oder, wenn die Tat bereits geschehen, das Versäumnis begangen, soll ich‘s verbergen, leugnen? was wenn‘s doch an den Tag kommt? dann kommt das Leugnen noch dazu und alles ist verdorben! Aber wenn ich‘s bekenne, was erwartet mich für Schelte? — aber muß man denn alles bekennen, kann man‘s nicht wenigstens drauf ankommen lassen?

Und wenn sie es dann wissen: Wie kann ich mich verteidigen, rechtfertigen? Welche anerkannten, verbreiteten Gründe könnten mir zur Seite stehen? Wie könnte ich, im Gegenzug, meine Kläger anklagen, um sie zu diskreditieren, zum Schweigen zu bringen?

Ich hatte mir einst Ideale gesetzt, etwa nicht zu lügen, weil Lügen feige ist, weil es dem Philosophen am wenigsten ziemt, ausgerechnet vor der Wahrheit feige zu sein. Andererseits bringt die Ehrlichkeit ja ebenfalls Nachteile, womöglich Makel und Schande an den Tag, wo ist also das kleinere Übel, wo das kleinere Risiko?

Wenn ich mit der Moral, mit meinen Idealen rang, so war das eigentliche Problem, wenn ich es recht bedenke, nicht die Verfehlung des Ideals, sondern das An-den-Tag-Kommen meiner Schwäche, meiner Unfähigkeit, die selbst gesteckten Ideale zu erreichen, die Blamage dessen, der den Mund zu voll genommen. Selbst wenn ich Gott anflehte, mir meine Sünde zu vergeben, so bat ich im Grunde: Mach daß es die andern nicht merken, oder wenn sie‘s merken, mich nicht verstoßen, oder wenn sie mich verstoßen, daß meine Freunde und Liebsten noch zu mir stehen.

Bislang haben sich meine Verfehlungen in einem bürgerlichen Rahmen gehalten, aber wäre dieser einmal durchbrochen, so würde ich vermutlich bitten: Wenn mich alle hier verabscheuen, laß irgendwo auf der Welt, gleichviel an welchem Ort, in welcher Zeit, in der Vergangenheit oder Zukunft, Menschen sein, die, würden sie von meiner Tat erfahren und alle Umstände, die dazu geführt, kennenlernen, Verständnis hätten und mich also nicht verurteilten und nicht verstießen.

So hat mich alle Analyse meines eigenen Schlechten Gewissens immer wieder dahin geführt, daß es nichts ist als die Furcht vor den Maßregeln oder dem nachteiligen Urteil der andern. Meine äußersten Gewissensqualen, selbst diejenigen, die mir große Bußversprechen entlockten, beruhigten sich in eben dem Maße, wie die Gefahr der Entdeckung vorüberging, wie Verlust von Geld und Gut, Ehre und Vertrauen nicht mehr drohte. Das Böse schlechthin, die Sünde, die Verderbnis meiner Seele, die Sittenverkehrung, die Ungerechtigkeit, Gemeinheit, Falschheit, von alldem fürchte ich nichts so sehr, als wie ich als ein solcher dastünde — vor den andern.