5. Mai 2013
Die absolute Wahrheit in philosophischem oder theologischem Sinne existiert nicht, und selbst wenn es sie irgendwo gäbe, so spielte dies für uns Wahrheit-Suchende gar keine Rolle. Die Suche nach Wahrheit ist wie ein Wettkampf im Sport: wir versuchen die Kontrahenten zu übertreffen und auszustechen, den Beifall des Publikums und den Ruhm der Nachwelt zu erlangen, aber nicht eine absolute oder endgültige Marke zu setzen. So wenig es beim Hundertmeterlauf darauf ankommt, eine bestimmte Zeit zu laufen oder beim Fußball, eine bestimmte Anzahl Tore zu schießen, sondern bei jenem nur darauf, schneller als die andern zu sein, hier, mehr Tore als der Gegner zu schießen. Ebenso ist das Ziel unserer Wahrheitssuche nur, die andern im Disput zu übertreffen und etwas Neues, Unerhörtes in die Welt zu setzen, mit Redekunst und Schlagfertigkeit und Einfallsreichtum die Konkurrenten niederzuringen.
Eine absolute Wahrheit kann demnach weder gefunden noch auch nur angenähert werden – und am Ende nicht einmal erwünscht sein. Sie ist ein leerer und letztlich sinnloser Begriff. Und selbst wenn es sie gäbe und einer sie erkennen könnte, so wäre doch der ganze Witz dahin sobald es einem andern ebenso gelänge, weil alsbald der Triumph des Ersteren verdorben und sein Sieg zu nichts zerronnen wäre. Könnte ein Hundertmeterläufer selbst in null Sekunden die Distanz bewältigen, so würde es ihm doch nichts helfen, sobald anderen dasselbe gelänge.
1. Mai 2013
Wir können davon ausgehen, dass jedes Mal, wenn einer ein Urteil über menschliches Handeln abgibt, ihn ein persönliches Motiv antreibt. Es geht immer um einen Vorteil oder um die Furcht eines Nachteils, manchmal materieller Art, meistens jedoch, weil er um sein Ansehen besorgt ist oder um dasjenige einer Gruppe, der er sich zugehörig fühlt, und deren Ansehen wiederum sein eigenes hebt oder schmälert. Oft ist Fantasie und ein Blick in die Tiefen der menschlichen Seele erfordert, um die verschlungenen Umwege und die subtilen Verknüpfungen zu erkunden, aber man wird am Ende immer fündig.
Ginge es in keiner Weise um unseren Vorteil, so würden uns die Taten der andern auch nichts angehen, und wir hätten keinen Grund, uns darüber lobend oder scheltend auszulassen. Wir würden sie viel mehr betrachten wie wir eine schöne Landschaft betrachten, interessant finden wie das Balzverhalten der Tiere oder ihren Kampf um Lebensraum und Nahrung.
Diese Erkenntnis hat mich nun keineswegs dahin gebracht, die Menschen für schlechter zu halten oder ihren Egoismus anzuklagen – der mir vielmehr als das Natürlichste und Selbstverständlichste von der Welt erscheint – sie leitet mich nur zu einer gewissen Vorsicht: Wenn andere ihre Wertungen vorbringen, erwarten sie, dass man in der Angelegenheit ebenso Stellung beziehe und vor allem, dass man ihnen beipflichte. Wenn ich aber sogleich erkenne, dass es hier nur um ihren Vorteil und um ihr Ansehen zu schaffen ist, werde ich mich weniger in der Pflicht sehen, ihnen beizustimmen und mich vor ihren Karren spannen zu lassen. Ich werde gelassen zuhören wie der Amsel beim Singen, dem Specht beim Knattern und der Krähe beim Krähen.
30. April 2013
Es bereitet dem Menschen ein herrliches Vergnügen, in irgendeiner Sache fortzuschreiten, in seinem Berufe, beim Bau seines Hauses, bei der Bearbeitung seiner Flöte, beim Vermehren seines Geldes, bei der Eroberung von Frauen oder sogar beim Loswerden seiner Pfunde, bei Einhaltung seiner Diät. Alle solche Disziplinen und Künste haben gemein, dass die Fortschritte beim Anfänger zwar bedeutend sind, mit zunehmender Vervollkommnung aber kleiner werden. Wer zwei Griffe auf der Laute kann, verdoppelt seine Kenntnis leicht, wenn er zwei dazulernt. Der Fortgeschrittene wird aber Jahre brauchen, um seine Kenntniss zu verdoppeln, und dem Meister schließlich ist es ganz unmöglich.
Das mag denn auch der Grund sein für viele, dass sie alle halbe Jahre eine neue Kunst beginnen und die vorige in die Ecke stellen. Sie genießen die großen Fortschritte der Anfangsphase – mit dem Nachteil allerdings, dass sie in keiner Sache jemals auch nur eine bescheidene Meisterschaft erlangen.
28. April 2013
Naturgesetze sind reine Kunstprodukte des Menschen. Das beginnt schon mit den ersten Grundlagen der Wissenschaft, denn in der Natur ist nichts abgemessen, sie kennt keine Zahlen, sie kennt keine Zeitrechnung und Längenmessung. Zwar gibt es in der Natur etwa einen unaufhörlichen Wechsel zwischen Tag und Nacht und es gibt auch Entfernungen von einem Ding zum andern. Die Idee aber, sich hierfür eine Messmethode zu schaffen, an der sich alle Menschen orientieren können, also etwa eine Maschine, die vierundzwanzig mal schlägt von einem Sonnenhöchststand zum anderen, oder eine Latte, mit der man Entfernungen misst, indem man abzählt, wie oft sie von einem Ort zum andern umgeschlagen werden kann, das ist das Kunstprodukt des Menschen, denn in der Natur besteht für solche Messungen keinerlei Notwendigkeit.
Hätte sich der Mensch etwa andere Prioritäten gesucht als dieses zahlenmäßige Vergleichssystem zu erschaffen, hätte er etwa die Priorität in der individuellen Empfindung gesucht, also wie lange einem Einzelnen die Zeit von einem Tag zum andern erscheint, wie lange sie ihm heute erscheint im Gegensatz zu morgen, wie lange im Vergleich zu seinem Freund oder Bruder, wie lange ihm der Weg von A nach B erscheint im Verhältnis zu gestern oder vor drei Wochen, wäre also seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Empfindungen gerichtet, so hätte er zwar keinen zahlenmäßigen Maßstab, um sich mit anderen auszutauschen und abzusprechen, aber er hätte vielleicht eine feinsinnige Sprache und Ausdrucksweise entwickelt, mit denen er seine Befindlichkeit und Wahrnehmung hätte kommunizieren können, wäre damit zu ganz andersartigen aber vielleicht nicht weniger wertvollen und nützlichen Errungenschaften gelangt. Vielleicht wären ihm technische Maschinen und Hilfsgeräte versagt geblieben, aber wenn er mit gleicher Intelligenz und gleich vieler Energie sich in die Erforschung dieser gefühlten Zusammenhänge begeben hätte, hätte er vermutlich auch gleich viel Sinnvolles und Erquickliches hervorgebracht. In einem gewissen, die bloße Erkenntnis betreffenden Sinne wäre er dadurch der Natur vielleicht sogar näher gekommen, weil diese Gefühle über Zeit- und Raumabstände unmittelbarer aus der Natur zu uns sprechen, als die zahlenmäßige Abmessung durch Apparaturen und Messstäbe.
Dies darf nicht missverstanden werden als Stellungnahme gegen die Technik und heutige Naturwissenschaft und für eine romantische Aufwertung unserer Gefühlswelt. Es soll nur zeigen, dass die Naturgesetze, wie wir sie nennen, keinesfalls in der Natur liegen oder aus ihr kommen, sondern ausschließlich Kunstprodukte des Menschen sind, die so oder auch ganz anders hätten ausgedacht werden könnnen und die nur insofern natürlich sind, als auch der Mensch, samt allem was er tut und schafft, ein Produkt dieser Natur ist.
27. April 2013
Der Mensch sucht überall den Wettbewerb und schafft sich dazu alle denkbaren Disziplinen, für die in der Natur zunächst keinerlei Anlass oder Notwendigkeit bestünde. Er will sich messen im Sport, in der Kunst, in der Wissenschaft, im Kriege, in der Moral oder sich wenigstens Protagonisten wählen, die für ihn um den besten Platz ringen, mit denen, wenn sie gewinnen, er sich als Sieger fühlen kann, an deren Ruhm er sich beteiligt fühlt.
In den Religionen geht es darum wer am frömmsten ist, wer den Göttern am nächsten steht, in der Wissenschaft wer die besten Argumente liefert, im zivilen Leben wer der beste Demokrat, der beste Humanist, Menschenrechtler ist, wer sich am besten für die Rechte der Armen und Benachteiligten einsetzt, wer gegen Atomkraft oder für eine höhere Wirtschaftsleistung streitet, als Vegetarier den Verzehr von Tieren ächtet, für die Freiheit der Meinungsäußerung kämpft, für die Gleichberechtigung von Randgruppen – oder jeweils deren Gegenteil.
Dies alles sind nur verschiedene Disziplinen für den einen Drang, nämlich hervorzuragen und andere zu besiegen. Insofern stimme ich dem Philosophen David Precht zu, dass Fußball heute zum Ersatz für Religion geworden sei. Allerdings nennt diese Aussage den Kern der Sache noch nicht beim Namen, denn was hinter beiden steckt, was den Menschen eigentlich sowohl zur religiösen als auch zur sportlichen Begeisterung antreibt, es ist der Wettbewerb.
Wenn nun die eine Disziplin aus der Mode kommt, wie heute vielenteils die Religion, so sucht sich der Mensch eine andere Disziplin, und dies mag etwa der Fußball sein. Was früher den Menschen für seinen Orden begeistern konnte, für besonders Fromme und Heilige, welche ihm vorgestanden, das kann ihm heute seine Fußballmannschaft sein, an deren Ruhm er sich ergötzt als habe er die Leistung selbst vollbracht. Aber all diese Disziplinen sind Kunstprodukte des Menschen, einem steten Wandel und den Moden unterworfen, denn wofür man heute Lorbeeren erntet, das war früher geradezu verpönt und wird in wenigen hundert Jahren wiederum verpönt sein – wenn neue Disziplinen in Mode stehen.
26. April 2013
Gerechtigkeit ist kein himmlisches Gebilde aus Idealen, sondern ein Konglomerat aus vielerlei Werten und Regeln mit dem einzigen Zweck, den sozialen und zwischenmenschlichen Frieden zu fördern. Was Gerechtigkeit in einem höheren, absoluten, allgemeingültigen Sinne wäre, kann auf keine Weise definiert werden. Ob es gerecht wäre, wenn alle gleich viel hätten, unabhängig ihrer Herkunft, unabhängig ihrer Leistung, oder ob alles von der Herkunft oder der persönlichen Leistung abhängen soll und jeder, nach seiner Stärke oder seinem Talent, sich nehmen solle was ihm beliebt, nach einem freien Spiel der Kräfte – was von derlei Vorstellungen letztlich gerecht sei, ist nirgendwo in der Natur oder im Himmel festgeschrieben. Vielmehr so, wie sich die unterschiedlichen Kräfte auf die Menschen verschieden verteilen, so wird auch, was gerecht sei, verschieden gesehen und letztlich in irgendeiner Mischung im Wertesystem und Gesetzeswesen einer Gesellschaft festgeschrieben.
Beispiel: Dass die Stärkeren und Kräftigeren von ihrem Überschuss etwas an die Bedürftigeren abgeben sollen und etwa einem höheren Steuersatz unterliegen, hat mitnichten etwas mit Gerechtigkeit im Sinne von Gleichheit und Gleichbehandlung zu tun, denn bei Gleichbehandlung müsste ja jeder nur so viele Steuern bezahlen, als er Leistungen des Staates für sich in Anspruch nimmt. Nein, es soll allein zur Wahrung des sozialen Friedens dienen, auf dass die Elenden und Bedürftigen sich nicht zusammenrotten und, weil sie ja in der Mehrheit sind, mit guten Chancen die Reichen überwältigen und überhaupt den Staat ins Chaos stürzen könnten. Beispiel: Viele Streitigkeiten in einer zivilen Gesellschaft drehen sich um Erbschaft: sollen alle Erbberechtigten gleich viel haben, oder die mehr, welche den Erblasser im Alter gepflegt oder ihm sonst wie zu Gefallen waren oder Vorleistungen erhielten oder erbracht haben usw. Alle beteiligten Parteien argumentieren stets mit der Gerechtigkeit, obwohl in keiner Weise auszumachen ist, was diese eigentlich sei. Nicht einmal eine Erbberechtigung an sich lässt sich aus einem Naturrecht herleiten: Warum soll jemand überhaupt etwas erben, warum nicht, wie schon erwähnt, jeder von vorne beginnen und allein durch seine Leistungen zu Erfolg und Vermögen kommen? Warum soll, andererseits, der Erblasser nicht völlig frei sein, über den Verbleib seiner Güter zu entscheiden, also entweder seine Nachkommen mit dem Privileg großen Reichtums versehen oder sie, wenn es ihm beliebt, völlig enterben? Welches Recht maßt sich schließlich ein Erbe auf seinen Anspruch an?
Das Werte- und Gesetzeswesen, welches Gerechtigkeit vorschreiben und durchsetzen soll, hat, wie gesagt, den sozialen Frieden und die Ruhe im Staate zum Ziel. Dazu müssen Regeln aufgestellt und von Gerichten durchgesetzt werden, und dadurch wird eine scheinbare Neutralität geschaffen usw. usw. Nur sollte diese Friedensarbeit eine gewisse Grenze vielleicht nicht überschreiten. Wenn nämlich – zur Beruhigung der Bedürftigen – alles umverteilt würde, so wäre zwar von unten keine Unruhe mehr zu fürchten aber auch von keiner Gruppe der Gesellschaft mehr irgendwelche Aktivität und Leistung zu erwarten.
Warum überhaupt die Gerechtigkeit so hochgehalten wird wie ein himmlisches Gut und der Gerechte wie ein Heiliger allseits Lob erfährt, kommt letztlich daher, dass er die Interessen der Gesellschaft so sehr befördert und jeder sich von solchem Tun einen direkten oder indirekten Vorteil verspricht – ist also Ausdruck des Egoismus aller Beteiligten.
22. April 2013
An einen Freund
Ich danke Dir für Deine Teilnahme. In der Tat war und ist die Frage, wie wir nach dem Tode dastehen werden, sei’s vor einem höheren Richter, einer Schicksalsmacht oder im Gedächtnis der Nachwelt, ein fester Bestandteil unseres Ehrgeizes, unserer Sorgen und Hoffnungen. Sie bildet die Konstante und sozusagen das Thema, demgegenüber Jüngstes Gericht, Zyklen der Wiedergeburt, irdischer Nachruhm usw. nur die Variationen zu sein scheinen.
21. April 2013
Um es in einem Wort zusammenzufassen: Macht ist das Ziel aller Wesen. Zur Macht gehört für uns aber auch das Bewusstsein von Selbstbestimmung und Freiheit. Denn wären wir bloß das Werkzeug eines anderen, so wäre er der Mächtige, nicht wir. Wir streben also gleichermaßen nach Macht und nach Freiheit, denn das eine kann ohne das andere nicht sein – ja sie sind gewissermaßen ein und dasselbe. Ohne Freiheit können wir nicht tun und lassen was wir wollen, haben also keine Macht, und ohne Macht können wir es ebenso wenig und sind demnach unfrei.
Allerdings wirkt hier oft ein Gefühl der Macht aus Zugehörigkeit: Wenn ich diesem mächtigen Herrn diene, wenn ich dieser siegreichen Armee angehöre, Bürger dieses blühenden Staates bin, Mitstreiter dieser einflußreichen Bewegung oder Fan dieser aufsteigenden Fußballmannschaft, dann tragen mich die Wogen ihrer Macht empor, auch wenn ich diese Macht nicht in dem Sinne frei ausübe, daß ich dort viel zu bestimmen hätte. Immerhin aber habe ich mich ja im Bewußtsein voller Selbstbestimmung und Freiheit zu der jeweiligen Gruppierung bekannt und kann deswegen den Abglanz ihrer Macht auch ungetrübt genießen. Das “gemeinsam sind wir stark” ist für viele sogar noch erhebender – zumal sie vor den Risiken, die mit persönlicher Machtfülle immer verbunden sind, doch eher zurückschrecken.
11. April 2013
Alles Schöne, alles Hässliche, alles Erfreuliche und alles Verdrießliche im Umgang mit anderen Menschen hat seinen Grund nirgendwo anders als in unserer Eitelkeit und Eigenliebe. Schön und erfreulich ist, wenn wir geachtet und geliebt, bewundert und liebkost werden, aber nichts schlägt mehr aufs Gemüt als wenn man uns nicht gelten lässt, kritisiert, beschimpft, beleidigt, kränkt, wenn wir mit unseren Argumenten unterliegen, andere uns den Rang ablaufen und bevorzugt werden.
Diese Eitelkeit ist der Grund, warum wir Gesellschaft suchen, uns auf Liebschaften einlassen, uns nützlich machen und nach Verdiensten streben – aber sie ist ebenso der Grund, wenn wir Gesellschaft und Streitgespräche meiden, uns auf uns selbst zurückziehen, dem Wettbewerb um Schönheit und Reichtum entsagen. Sie weckt einerseits unseren Ehrgeiz, ohne den nichts Schönes und Großes zu Stande käme, sie macht uns wehrhaft gegen Angriffe unserer Konkurrenten und läßt unsere Talente blühen – aber sie leitet auch an, unseren Frieden in Rückzug und in der Einsamkeit zu suchen, um den Niederlagen und Demütigungen zu entgehen.
Es gibt nur wenige Freuden und Leiden, die nicht von der Eitelkeit dominiert werden: Kälte und Hunger oder schwere Krankheit, die Freuden einer guten Tafel oder das Finale im Liebesakt. Doch würde ich meinen, dass selbst noch in diesen Freuden und Leiden unser Geltungsdrang und unsere Eitelkeit eine maßgebliche Rolle spielen, und selbst die Freuden der Kunstgenüsse hängen davon ab, wie wir uns in den Werken wiederfinden, d.h. uns selbst und unseren Geschmack bei anderen bestätigt sehen.
10. April 2013
Wenn wir nicht Angst hätten, uns lächerlich oder bei den Neidern verhasst zu machen, wäre uns kein Lob jemals zu groß und keine Schmeichelei zu dick aufgetragen. Wir würden wachsen bei dem Lob unserer Größe, aufblühen bei dem Preis unserer Schönheit und, dem Genie gleich, alles überstrahlen bei der Bewunderung unserer Klugheit. Im Grunde gefällt uns jedes Lob und jede Schmeichelei, solange wir nur irgend eine Spur von günstiger Gesinnung beim Lobenden vermuten oder eine günstige Wirkung auf das Publikum erhoffen. Nur wenn wir argwöhnen, man wolle uns hochnehmen, obsiegt in uns die Vorsicht und wir wehren ab und mimen den Bescheidenen. Zu vieles Lob müssen wir auch deswegen von uns weisen, weil wir den Hass derer auf uns zögen, die nicht dulden, dass andere oder wir selbst uns für besser halten. Der bescheidene Lobverächter ist also nicht weniger eitel sondern nur weniger einfältig, denn er erkennt rechtzeitig, wohin die offen gezeigte Selbstgefälligkeit uns bringt.
Zuletzt kann die Schmeichelei auch eine unangenehme Komponente haben, wenn sie nämlich von einer niedrigen und wenig geachteten Person vorgebracht wird: wir fürchten dann als einer dazustehen, der auf solch schnöde Nahrung angewiesen ist. Dennoch hat selbst diese Schmeichelei noch ihren wohltuenden Part.
7. April 2013
Lukian in seinem Bericht über das Lebensende des Peregrinus: Und so hat denn der heillose Mensch Peregrinus oder (wie er sich selbst lieber nannte) Proteus die Ähnlichkeit mit seinem Homerischen Namensverwandten, vollständig gemacht, und der ehrsüchtige Tor, nachdem er sich nach und nach in tausenderlei Gestalten verwandelt hatte, ist zu guter Letzt – so heftig brannte die Liebe zum Ruhm in ihm – noch gar zu Feuer geworden! Man könnte ihn, was diesen Punkt betrifft, einen zweiten Empedokles nennen; wiewohl mit dem Unterschied, daß jener, als er sich in den Krater des Ätna stürzte, von niemand gesehen sein wollte: dieser edle Held hingegen die volkreichste aller griechischen Nationalversammlungen zur Szene seiner großen Tat erwählte und einen ungeheuern Holzstoß auftürmen ließ, um in Gegenwart einer unendlichen Menge von Zuschauern hineinzuspringen, nachdem er sie sogar, wenige Tage vor Bestehung dieses Abenteuers, durch eine öffentliche Rede davon benachrichtiget hatte.
Ein extremes Beispiel unseres Geltungsdranges – und obendrein halte ich für wahrscheinlich, dass in beiden Fällen die Eitelkeit dahinterstand, beim Empedokles, weil er fürchtete gesehen zu werden, beim Peregrinus, weil er es hoffte.
… „Lügen mit Zahlen“ verschiedene Statistiken zurecht, indem er sie in ihren Relationen darstellt. Etwa die allgemein verbreitete Furcht vor einer Explosion der Kosten des Gesundheitswesens. Aus seiner Darstellung erhellt: …
… andern gefallen und nichts weiter. Wenn wir dabei überhaupt Freiheit genießen, so liegt sie darin, dass wir den Kreis wählen können, dem wir gefallen wollen …
… bleibt uns verborgen. Man sieht nur, dass die einen mehr klagen, die anderen weniger, aber ein zwingender Zusammenhang …