20. Februar 2012
Alles in der Welt drängt nach Geltung, Selbstbehauptung, Glanz und Macht. Warum können wir uns beim Anblick der Natur damit abfinden, ja genießen es sogar wie alles hervordrängt und sich, um der eigenen Herrlichkeit willen, gegenseitig niederringt – während wir, sobald wir das selbe bei Menschen beobachten, von Argwohn und moralischem Abscheu erfüllt sind? Nun es rührt einzig daher, dass wir in den Menschen unsere Konkurrenten sehen – und also in ihrem Emporstreben eine Gefahr für uns selbst. Den Konkurrenzkampf der Natur betrachten wir gelassen und mit Freude, weil wir nichts zu fürchten haben – aber vielleicht sehen das die Blumen, Sträucher, Bäume und die Tiere ja anders.
19. Februar 2012
Man wird nicht weiser und besonnener im Alter sondern nur gleichgültiger. Was einem früher in Rage und zur Verzweiflung brachte, kennt man inzwischen, es ist nichts Neues und nicht der Aufregung wert. Wie die schönen Ereignisse weniger erheben, so ziehen die üblen weniger herab. Zu oft haben wir erfahren, wie das Vielversprechende wenig gehalten, das Bedrohliche harmloser als befürchtet war. Wir kennen jetzt beides und die Aufregung lässt nach.
18. Februar 2012
Aus Reinhard Hallers DAS GANZ NORMALE BÖSE:
Mit dem ersten Schuss ist die entscheidende Grenze übersprungen. Der Amokläufer kann dann gar nicht mehr zurück, es tritt für ihn auch gefühlsmäßig ein neuer, nie gekannter Zustand ein. Er erfährt das Gefühl der Wichtigkeit und kostet zum ersten Mal jenes der Mächtigkeit, der grandiosen Überlegenheit, der Einzigartigkeit. In einer Mischung aus narzisstischem Höhenrausch und Untergang erlebt er sich als gnadenlose Rächer, als unbesiegbare Kampfmaschine, als Herr über Leben und Tod.
Der Amokläufer hat sämtliche kontrollierende Instanzen seines ich‘s ausgeschaltet, er folgt einem aus dem destruktiven Potenzial zahlreicher Kränkungen resultierenden, auf dem Boden von Demütigungen gewachsenen, dem Bedürfnis nach Rache geschriebenen Plan. Er befindet sich in einer unvergleichlichen Endzeitstimmung, in einem nicht bekannten Vernichtungsrausch – das Böse nimmt seinen Lauf.
Die modernen Amokläufe zeigen eine enge Verflechtung mit den Präsentationschancen über das Internet, das dem Täter die Möglichkeit eröffnet, seine so belastende Botschaft der Welt mitzuteilen und einmal für einige Stunden wichtig zu sein. Jugendliche Amokläufer bezeichnet man deswegen auch als Herostraten, als Verbrecher aus Ruhm-und Geltungssucht. Diese werden benannt nach Herostratos, welcher im Jahr 356 v. Chr. eines der sieben Weltwunder der Antike, den Artemistempel in Ephesos, in Brand steckte. Sein Name sollte dadurch, so gestand er unter Folter, für alle Zeiten bekannt bleiben.
Kommentar: Man sieht hier, an einem eklatanten Beispiel, wie Geltungsdrang und Machtstreben eine alle anderen Motive überstrahlende Wirkung üben – weil Geltung und Macht des Menschen höchstes Glück bedeuten. Wenn unsereiner bei seinem Streben nach Glück nicht ebenso um sich schießt, so nur deswegen, weil er die Situation realistischer einschätzt und deswegen fürchtet, mit derartigem Tun alle Geltung und Macht zu verlieren, denn er würde alsbald gehasst, verfolgt, als geisteskrank verachtet, eingesperrt und seiner Freiheitsrechte beraubt. Wären diese Dinge nicht zu fürchten, so hielte ich für sehr wahrscheinlich, dass Amoklaufen die normalste und alltäglichste Sache wäre.
17. Februar 2012
Ich bin der Beste! Zwar muss ich, zu meinem großen Bedauern, eingestehen, dass es in jeder Disziplin tausend Bessere gibt, doch in der Summe, im Wesentlichen, im Eigentlichen, in dem, worauf es in Wahrheit ankommt, darin bin ich der Beste. Auch wenn ich diese Einsicht aus diplomatischen Gründen gewöhnlich für mich behalte, so ist sie doch ein notwendiger Teil meines Selbstverständnisses, ohne den ich das Dasein nicht ertragen könnte.
Selbst wenn alles gegen diese Selbstverherrlichung spricht, so bleibt mir doch mein allgemeines Urteilsvermögen, in dem ich auf jeden Fall der Beste bin. Und das rührt daher: Sobald ich nämlich einsehe, dass ein Anderer in einer bestimmten Sache ein besseres Urteil hat, gebe ich sofort mein Urteil auf und nehme das seine an und habe dann ebenfalls das bessere. So mache ich es in allen Fragen und bin also überall auf dem neuesten, auf dem besten Stand – während alle anderen hinterherhinken, da sie ja allenfalls in einzelnen Fragen, niemals jedoch in allen, gleich gut sind. Also bin ich schon mal im Urteilsvermögen – der wichtigsten Disziplin, weil sie bestimmt wer Recht hat – der Beste.
16. Februar 2012
Das Böse einer Tat liegt nicht darin, daß der Täter sie begeht, sondern darin, dass das Opfer sie nicht mag.
15. Februar 2012
Wenn ich behaupte, daß alles, auch das Moralische, ja besonders das Moralische, nur getan wird, um sich gut darzustellen, um sich wichtig zu machen, um letztlich Macht zu erringen, dann mag das zunächst nicht sehr erfreulich klingen und manchem geradezu von einem misanthropischen Weltbilde zeugen. Darum geht es bei dieser Betrachtung aber nicht. Nicht ob die Menschen gut oder böse sind, sondern was sie überhaupt sind, unabhängig von unseren jeweiligen Interessen und Vorlieben.
Wenn wir dieselben Bezeichnungen auf Naturdinge anwenden, haben wir keinerlei Bedenken, von der blühenden Rose und dem ausschlagenden Baume zu sagen, daß sie es nur tun, um sich zu behaupten, sich hervorzutun, sich durchzusetzen – um, in ihrer Art, Macht zu erringen. Und wie die Pflanzen und Tiere dazu ihre Mittel und Strategien haben, so auch der Mensch – dem aber zusätzlich noch die moralische Agitation zur Verfügung steht.
Sowenig wir in der Natur also etwas Schlechtes an diesem Ehrgeiz finden, so wenig sollten wir – zumindest auf einem solchen neutralen Standpunkt – beim Menschen Anstoß daran nehmen. Tatsächlich nehmen wir auch keinerlei Anstoß, solange nicht unsere eigenen Interessen irgendwie berührt werden.
9. Februar 2012
Die Kosmopoliten, die Toleranten, die Liberalen, Demokraten und Humanisten, sie sind von eben demselben Parteigeist getrieben wie Kommunisten, Faschisten, Islamisten und, über Jahrtausende hinweg, die Fechter des jüdischen und christlichen Gottes. Alle wollen Sie ihrer Gruppierung – und damit ihrem eigenen Interesse, ihrem Ansehen, ihrer Macht – zum Durchbruch verhelfen und sie möglichst über die Welt verbreiten. Keine dieser Ideologien kennt dabei eine Grenze, alle erstreben den maximalen Einfluss, die absolute Macht, den totalen Sieg. Und alle stützen sich dabei, sobald es ernst wird, auf uneingeschränkte, grausamste Gewalt. Auch die liberalen, demokratischen, toleranten Kosmopoliten würden, sobald ihre Werte und also ihre Macht in Gefahr geriete, nicht vor dem Einsatz der wirksamsten Waffen und millionenfacher Vernichtung zurückschrecken.
Ein solches Verhalten gilt uns als fanatische Verblendung – aber eben nur bei unseren Feinden oder bei vergangenen, überwundenen Kulturen. Sobald es um unsere eigene Haut geht, um unsere Werte, unsere Rechte, unsere Freiheit, ist uns jedes Mittel recht.
Deschner polemisiert in zehn dicken Bänden seiner Kriminalgeschichte des Christentums gegen die ungezählten Grausamkeiten, mit denen diese Religion ihre Macht errungen und verteidigt hat. Aber er merkt nicht, dass seine eigene aufklärerische Gesinnung mit ebenso vielen Kriegen und Millionen Toten erkämpft und verteidigt wird und im Rückblick späterer Jahrhunderte um kein Jota vernünftiger oder harmloser oder sanftmütiger dastehen kann. Natürlich finden jetzt nicht sämtliche Attentate, Aufstände, Freiheitskämpfe, Revolutionen und Kriege auf einmal statt sondern verteilen sich auf Kontinente und Jahrzehnte, und so mag uns die Gegenwart vernünftiger und friedlicher vorkommen, doch wird im Rückblick unsere Zeit, die für Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und “Frieden” kämpft, nicht friedlicher dastehen als für uns die christlichen, islamischen, jüdischen Epochen, die von Schlachten und Schlächtereien überquollen – im Namen ihrer Heiligtümer.
Unsere eigene Brutalität wird uns nur deswegen nicht bewußt, weil wir uns selbst stets auf der Seite des Guten, Vernünftigen, Gerechten, Edlen, Humanen sehen – und die Anderen als böse Schädlinge, die man leider Gottes totschlagen muß. Allerdings sehen sich unsere jeweiligen Gegner natürlich ebenfalls auf der Seite des Guten und Gerechten, und so war es bei den Früheren und wird es bei den Kommenden sein – denn das Ringen um die Oberhand wird nie ein Ende nehmen, nicht bei den Menschen und nicht bei den Gräsern auf der Wiese.
8. Februar 2012
Wie man früher glaubte was der Priester sagt und seine Berichte von den Geboten und Strafandrohungen Gottes für Bares nahm, so glauben wir heute den Fachleuten, den Wissenschaftlern, den Journalisten – obwohl wir ihre Behauptungen ebenso wenig überprüfen können wie einst der Gläubige die Dogmen seiner Kirche. Wer kann denn nachprüfen, ob sich das Klima wirklich ändert – und wenn dem so wäre, ob in der Summe daraus mehr Nutzen oder Schaden entstünde – ob die Lichtgeschwindigkeit tatsächlich konstant ist, ob eine Evolution im Darwinschen Sinne stattfindet oder ein Urknall der Beginn unseres Universums war? Nicht einmal, ob Äpfel gesund sind, ob Weingenuß schadet, ja nicht einmal, ob die Erde rund ist, können wir mit eigenen Mitteln überprüfen. Wenn wir es genau bedenken, merken wir, dass bis in die kleinsten Details unser Wissen auf blindem Vertrauen ruht und wir nicht weniger naiv und gutgläubig dastehen, als unsere einfältigen Vorfahren.
Zum Glück geht es aber letztendlich gar nicht um die Wahrheit sondern darum, sich irgend einer Gruppe von Gleichgläubigen anzuschließen, sich unter ihnen sicher und geborgen zu fühlen – und nicht zuletzt auch darum, mit gemeinsamen Argumenten und Behauptungen andere niederzukämpfen und über ihre Dummheit zu triumphieren.
Um Wahrheit im eigentlichen Sinne konnte es in diesem Gerangel auch niemals gehen, denn sonst hätte man schon vom Beginn der Zeiten einsehen müssen, dass nichts dergleichen Feststehendes existiert, sich alles im Flusse und in ständiger Umkehrung befindet und sich also niemals lohnen würde, einem solchen Phantome nachzujagen.
4. Februar 2012
Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, daran besteht kein Zweifel. Wie er diese Gemeinschaft allerdings lebt, hat viele Wege: in Familie, Freundeskreis, Verein, Arbeitswelt, öffentlicher Tätigkeit. Jeder lebt in Gemeinschaft, und sein Geist ist fast ausschließlich mit Beziehungen und Verhältnissen zu Anderen beschäftigt. Dem kann sich keiner entziehen, auch wenn er dieser Unfreiheit immer wieder entkommen will und dazu alle möglichen Versuche unternimmt: Freundschaften kündigt, Ehen bricht, aus Vereinen austritt, die Arbeitsstelle wechselt, sich aufs Land zurückzieht oder alles hinschmeißt und eine Reise unternimmt. Manche lästigen Verpflichtungen und Zwänge mag er vorerst loswerden – aber niemals die Bande zur Gesellschaft zerreißen. Denn wo auch immer er hinkommt, er sucht sich sogleich neuen Umgang, und selbst der einsame Wanderer wird seine Fantasiegesellschaft im Rucksack mit sich führen, die ihn nicht weniger festhält als den Gesellschaftslöwen sein realer täglicher Kirmes.
3. Februar 2012
Eitelkeit und Geltungsdrang sind unsere allgemeinsten und natürlichsten Antriebe. Sie geringschätzen heißt, die Menschheit und im Grunde die ganze Natur geringschätzen. Dazu heute was Geliehenes:
Die Eitelkeit vieler Menschen wirkt vor allem deshalb so unerträglich, weil sie die Eitelkeit der anderen stört.
Jacques Duval
Es gäbe einen Weg, sämtliche Wirtschaftsprobleme zu lösen: man müßte die Selbstgefälligkeit steuerpflichtig machen.
Jacques Tati
Man hätte wenig Freude, wenn man sich niemals schmeichelte.
François de La Rochefoucauld
Wir sind so eitel, daß uns sogar an der Meinung der Leute, an denen uns nichts liegt, etwas gelegen ist.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)
Was ist der Mensch für eine elende Kreatur, wenn er alle Eitelkeit abgelegt hat!
Johann Wolfgang von Goethe
30. Januar 2012
Meine Erkundungen sollen nicht die Bosheit der Menschen aufdecken, sondern die Wahrheit, die wahren Motive, die menschlichem Benehmen und Handeln zu Grunde liegen. Daß egoistische Handlungen meist als verwerflich und böse gelten, liegt nur daran, dass sie andere in ihren egoistischen Interessen beeinträchtigen. Dies hindert jedoch nicht, dass es sich um natürliche Vorgänge handelt, welche aus einem neutralen Blickwinkel völlig wertfrei sind – weil eben die Frage nach Gut oder Böse nichts ist als eine Frage der Parteizugehörigkeit, der jeweiligen Interessenlage.
31. Januar 2012
Dass es auch in der Liebe weniger um das Lieben als vielmehr um das Geliebtwerden und Geachtetwerden geht, zeigt schon der erste Vorgang des sich Verliebens: was macht uns denn verliebt? Doch nicht, dass der andere schön und begehrenswert ist, denn da müssten wir uns ja in viele verlieben, die täglich um uns her spazieren. Das Verliebtsein wird aber nur dadurch ausgelöst, das ein solches begehrenswertes Geschöpf ein Zeichen seiner Aufmerksamkeit sendet, dass wir uns einbilden können, wir hätten Interesse geweckt, wir kämen gut an und erschienen selbst als begehrenswert. Dann erst fängt die Maschinerie zu laufen an, und je mehr wir uns bestätigt glauben, desto begehrenswerter ist uns ein solcher vorteilhafter Spiegel. Deswegen werden wir auch sofort eifersüchtig und finden es ekelhaft, wenn andere in unserer Gesellschaft flirten und voreinander kokettieren – denn wir bleiben dabei ja außen vor, werden nicht bewundert, nicht begehrt, und das ist, zumal in solchem Kontrast, schmerzlich.
unzuverlässig sei und ständig bedroht von Hunger, Schmerz, Krankheit und der Furcht vor dem Tode, gelte dies doch nicht von den wahren Gütern, den Tugenden, aus welchen der Weise allein sein dauerhaftes Glück bezöge …
… die Tugend, also Gerechtigkeit, Gemeinsinn, Hilfs- und Opferbereitschaft, sei das höchste Gut und würde deswegen allseits gelobt. Ich sage hingegen …
… auf die Unterscheidung zwischen den Lüsten des Körpers und den seelischen Freunden, welche sich dadurch auszeichnen sollen, dass sie um ihrer selbst willen erstrebenswert seien. Er nennt dazu die Würde, die Ehrenhaftigkeit …