DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

4. Juli 2013

Pyrrhon ging davon aus, daß es keine Erkenntnis der Dinge gibt und man sich daher allen Urteilens enthalten soll. Vor allem im Ethischen sei nichts an sich gut oder böse, ehrenwert oder gemein, gerecht oder ungerecht, sondern überall käme es auf Herkommen und Sitte an, also darauf, zu welcher Gruppe man gehöre, wessen Werte und Interessen man teile. Daher solle der Philosoph alles Urteilen bleiben lassen, sich ganz aufs Beobachten beschränken und allenfalls seine eigenen Angelegenheiten verfolgen.

26. Juni 2013

Ich zeige das menschliche Wesen auf eine Art, die in ihrer Konsequenz und Kompromisslosigkeit sonst nirgendwo zu finden ist. Zur Bekräftigung meiner Erkenntnisse suche ich dabei keinerlei Belege aus wissenschaftlichen Untersuchungen oder statistischen Erhebungen, sondern berufe mich ausschließlich auf Selbstbeobachtung und Erkundung meiner inneren Regungen, auf die Motive, die meinem eigenen Verhalten zu Grunde liegen. In andere Menschen kann ich auf keine Weise hineinblicken und müßte mich daher jeglichen Urteils über ihre Motive enthalten. Trotzdem wage ich, wenn ich bei ihnen ein ähnliches Verhalten beobachte, den Schluß, daß auch ähnliche Motive gewirkt haben. Wenn ich also bei mir selbst erkenne, daß ich aus Geltungsdrang so und so gehandelt habe und nun einen sehe, der sich ebenso benimmt, so schließe ich daraus, daß hier ebenfalls der Geltungsdrang am Werke sei. Darin liegt sicherlich etwas Anmaßendes, zumal  nicht wenige von ihnen behaupten, sie würden von ganz anderen, vor allem selbstlosen Motiven bewegt. Ich kann in solchem Falle freilich nicht das Gegenteil beweisen, aber ebensowenig kann ich meine eigenen Erkenntnisse einfach beiseite schieben – weil ich sonst ihre Worte höher ansetzen müsste als meine Beobachtung, die Beobachtung meiner selbst, die mir das Allernächste und Wahrhaftigste ist.

Also bleibe ich bei meiner Anmaßung und werde darin auch bestärkt durch den Umstand, daß ich in früheren Tagen, vor meiner jetzigen Analytik und mikroskopischen Selbstschau, ähnlich gesprochen habe wie sie und mir die feineren Hintergründe und Motive meines Verhaltens nicht in diesem Maße bewusst waren.

Jedenfalls kann ich, wegen ihrer Einwände, nicht meine eigene Erkenntnis sausen lassen. Es geht mir dabei wie einem Maler, der eine Gruppe von Menschen auf seiner Leinwand abbildet, dabei das in seinen Augen Charakteristische einer jeden Person darstellt, und dem nun einer aus der Gruppe klagte, er sei schlecht getroffen und sähe in der eigenen Wahrnehmung ganz anders aus. Was sollte ihm da der Maler antworten? Er wird vielleicht zugestehen, sein Bild sei nicht in dem Sinne objektiv, daß alle darauf Abgebildeten sich sogleich wiederfänden, aber keinesfalls wird er es deswegen übermalen oder dem Geschmack des Modells anpassen. Man wird von einem ehrbaren Künstler kaum erwarten, dass er die Welt anders abbilde, als er sie sieht, und ebenso ungereimt käme es mir vor, an meiner Darstellung etwas zu ändern, solange meine Wahrheit in so klaren Lettern und schlüssigen Zusammenhängen vor mir steht.

19. Juni 2013

Man sagt, die Alten seien stumpf geworden, würden am Hergekommenen festhalten, könnten sich nicht mehr für neue Ideen und Träume begeistern. Vielleicht ist es aber so, dass den Alten das Neue nur eben langweilig geworden ist. Sie haben in ihrem Leben so oft das Neue erlebt und dabei festgestellt, dass es meist nur ein Altes in neuem Gewande ist. Das Neue verliert allmählich seinen Status der Originalität, weil man es schon kennt, bevor es noch umgesetzt und verwirklicht ist. Nicht die Empfänglichkeit nimmt also ab sondern die Erkenntnis zu.

17. Juni 2013

Wenn ich mein Handeln überdenke, was ich falsch gemacht, was hätte anders tun sollen, wo ich schuldig geworden, wem Unrecht getan, wen verletzt, wie ich vor mir selber bestehen, mich im Spiegel betrachten kann, so ist dies die Ebene, auf die mich mein Bewusstsein unmittelbar hinführt, es sind die Fragestellungen, auf die mich die Mitmenschen und Zeitgenossen seit frühester Kindheit konditioniert haben, ja die, seit Menschen darüber schreiben, das Moralische und das Gewissen definieren.

Wenn ich dann aber tiefer in mich blicke und analysiere, was hinter diesen Fragen und Gefühlen steckt, alle konventionellen Denk- und Redeweisen einmal durchbreche, so gelange ich immer und jedes Mal an dieselben und letzten Fragen: Habe ich mit meinem Verhalten jemanden gegen mich erzürnt, wird er mich jetzt weniger lieben, mich verachten, bei andern gegen mich hetzen, werden sie über mich tuscheln oder sich gar verschwören? – und würde man die Summe dieser Fragen als den Zähler eines Bruches ansehen, so wäre der Nenner: Wird meine Position dadurch geschwächt? Darin liegt die eigentliche Bedrohung, die mir die Laune verdirbt, mich ängstigt und niederschlägt – die man aber irrtümlich bzw. vordergründig Schuldgefühl, schlechtes Gewissen oder Zweifel am Selbstwert nennt. In Wahrheit nämlich habe ich gar kein Schuldgefühl und nicht im mindesten Sorge, etwas falsch gemacht zu haben, es stehen meinem Verstande immer genügend Argumente zur Verfügung, mein Verhalten zu rechtfertigen und die Schuld stattdessen anderen zuzuschieben. Was mich in Wahrheit plagt und womöglich zur Reue stimmt, ist nichts als die Sorge, wie ich jetzt bei andern dastehe, geachtet, geliebt oder eben gehasst und gemieden werde – d.h. ob meine Position gestiegen oder gefallen ist.

13. Juni 2013

Alle wirklichen Leiden kommen dem Menschen durch Zurücksetzung. Von akuten körperlichen Schmerzen abgesehen, die aber in der Regel nur kurz andauern oder nur schwere Krankheit und das Alter betreffen, ist es immer das Gefühl, weniger zu gelten,  unattraktiv, ungeliebt zu sein, verloren zu haben, unterlegen, betrogen, ausgenutzt zu sein, sich blamiert zu haben, als Schwächling, als Versager dazustehen, was den Menschen unglücklich macht. In der Liebe, im Beruf, im Spiel, in der Kunst, unter Freunden – immer ist es der Mangel an Geltung, Einfluß und Macht, immer ist es der unbefriedigte Egoismus, der die seelischen Schmerzen hervorruft.

Die meisten Weisheitslehren empfehlen daher den Rückzug aus diesem endlosen Ringen um die besseren Plätze und sehen das Heil stattdessen in Überwindung von Ehrgeiz, Eitelkeit, Streben nach Macht und Reichtum. Sie predigen Meditation, Rückzug auf sich selbst, auf Frömmigkeit, Genügsamkeit und hoffen, auf diese Weise der Gefahr zu entgehen und die größten Schmerzen zu vermeiden – wer nicht mitspielt, kann schließlich nicht verlieren. Allerdings schaffen sie mit den neuen Zielen auch gleich wieder neue Disziplinen für den allgegenwärtigen und tief in der Natur verwurzelten Wettkampfsgeist: Es geht jetzt nämlich darum, wer den wenigsten Ehrgeiz, die wenigste Eitelkeit zeigt, wer am glaubwürdigsten auf Macht und Reichtum verzichtet, wer der Genügsamste, Bescheidenste, Frömmste – Weiseste ist? Und schon gibt es wieder Auf- und Abstieg, Ruhm und Zurücksetzung, Bewunderung und Demütigung – und also Glück und Schmerz.

Am Ende bleiben jedenfalls Zweifel, ob den seelischen Schmerzen überhaupt zu entkommen ist, oder ob sie nicht das notwendige Pendant zu den Glücksgefühlen sind: Wenn wir steigen sind wir glücklich, wenn wir fallen tut es weh, aber wir können nicht immer steigen, und schon gar nicht können alle steigen, denn steigen heißt hier, im Verhältnis zu anderen steigen, weil nur dieses glücklich macht. Würden alle gleichermaßen steigen, so bliebe ja alles beim alten, und selbst wenn jeder König wäre, wäre keiner König – aber alle wären unglücklich, weil niemand sich auszeichnen könnte.

Für jeden, der steigt, muß also wenigstens ein anderer fallen, und, wie die Erfahrung zeigt, scheint auch der Gewinner an seinen Siegen nicht dauerhafte Freude zu haben, denn die Verlierer finden gewöhnlich Mittel, ihn wieder von seinem Podest herabzuziehen, ihn zu demütigen, bloßzustellen, auszuschließen, und er wird in der Summe vielleicht genauso vieles leiden als wie die zunächst ihm Unterlegenen. Nicht ohne Grund brauchen die Großen und Berühmten am meisten Hilfe von Psychologen und Therapeuten, sind regelmäßig Gast in Kuren und Selbsterfahrungskursen, oder sie verfallen Medikamenten und Drogen und bringen sich am Ende noch gar ums Leben.

Wie der Aufstieg so kennt auch die Zurücksetzung keinen absoluten Grad, sie ist immer relativ und kann daher den Höchsten genauso und vielleicht noch empfindlicher treffen als den Geringen. Wer gerade auf der Woge der Souveränität dahinsegelt, kann sich seinen eigenen Fall nicht vorstellen und sieht mit Verachtung auf die Schwächlichkeit und Kränklichkeit der andern. Aber zuverlässig wird ihn die nächste schlechte Laune daran erinnern, dass auch er noch teilnimmt an diesem ewigen Wechselspiel von Geltung und Zurücksetzung – denn seine schlechte Laune ist nichts als die Wirkung einer tatsächlichen oder eingebildeten Zurücksetzung.

11. Juni 2013

Der Grundsatz aller Philosophen und vernünftig Denkenden, dass nichts ohne eine Ursache geschehen könne, jede Veränderung einen Grund, jede Handlung ein Motiv haben müsse, ist im Grunde ebenso nur eine Meinung unter anderen und keineswegs zwingend. Warum sollte etwas nicht einfach nur so geschehen können, als ursprünglicher Schöpfungsakt, als ein Hervorgehen aus dem Nichts, als eine unbewegte Bewegung, als ein Ursprung aus sich selbst, als ein Substanz gewordener Gedanke, der selbst wiederum aus dem Nichts aufblitzt? Wenn Schöpfungskraft, Genialität und Wunderwirkung in den Dingen selbst läge, ohne dass dahinter wiederum ein Grund und ganz am Ende ein Gott als letzte Ursache stünde, ja wenn sogar überhaupt alle Geschehnisse, die wir als Wirkung einer Ursache verstehen, im Grunde diese Verbindung gar nicht hätten, sondern vollkommen aus sich selbst entstünden, ohne Zusammenhang mit etwas ihnen Vorhergehendem und all diese Verknüpfungen nur in unserem Gehirn stattfänden, nur Ergebnis unserer eingeschränkten und einschränkenden Sichtweise wären? – wie uns dies im übrigen ja Kant auf seine eigentümliche Weise dargetan! Oder wenn dieses Verknüpfen nur eine unserer Angewohnheiten wäre, uns so selbstverständlich geworden, daß wir sie für Natur und unumstößliche Wahrheit hielten – wie man auch die Existenz von Göttern und Wundern für unbezweifelbar hält, sofern man von frühester Kindheit an nichts anderes gehört hat?

Es könnte also alles so oder so sein. Nur sehe ich in dieser Tatsache keinen Grund, deswegen mit dem Denken, logischen Schließen, nach Ursachen und Zusammenhängen Forschen aufzuhören. Es bereitet nämlich allen, die darin ein gewisses Talent verspüren, einen ewig sprudelnden Quell des Vergnügens – und dieses Vergnügen kommt aus dem Wettkampf der mit dieser Tätigkeit verbunden, ja der ihr eigentlich zugrunde liegt. Das Verknüpfen und  Ergründen, das Setzen und Erkennen der Zusammenhänge, das Argumentieren, um Wissen und Erkenntnis Streiten, ist nichts als eine Form, eine Disziplin, in welcher mit geistigen Mitteln der ewige und allgegenwärtige Wettkampf aller natürlichen Wesen untereinander austragen wird. Und dieses Wettkämpfen, vor allem natürlich das Gewinnen und Triumphieren, ist das schönste was die Welt zu bieten hat!

Was einer allerdings genießen könnte, wenn er das Denken und logische Schließen zurückstellte, welche Unterhaltungen und Erfüllungen er in anderen Wahrnehmungen und Schaffenskräften, in anderen Disziplinen fände, das bleibe einmal dahingestellt. Wir dürfen aber voraussetzen, daß es überall Gelegenheit zum Wettkampf und zum Triumphieren gibt. Zumindest scheinen ja die Wundergläubigen, Naiven, ganz ihren Emotionen Hingegebenen in keiner Weise unglücklicher zu sein als die Vernünftigen und logisch Denkenden.

5. Mai 2013

Die absolute Wahrheit in philosophischem oder theologischem Sinne existiert nicht, und selbst wenn es sie irgendwo gäbe, so spielte dies für uns Wahrheit-Suchende gar keine Rolle. Die Suche nach Wahrheit ist wie ein Wettkampf im Sport: wir versuchen die Kontrahenten zu übertreffen und auszustechen, den Beifall des Publikums und den Ruhm der Nachwelt zu erlangen, aber nicht eine absolute oder endgültige Marke zu setzen. So wenig es beim Hundertmeterlauf darauf ankommt, eine bestimmte Zeit zu laufen oder beim Fußball, eine bestimmte Anzahl Tore zu schießen, sondern bei jenem nur darauf, schneller als die andern zu sein, hier, mehr Tore als der Gegner zu schießen. Ebenso ist das Ziel unserer Wahrheitssuche nur, die andern im Disput zu übertreffen und etwas Neues, Unerhörtes in die Welt zu setzen, mit Redekunst und Schlagfertigkeit und Einfallsreichtum die Konkurrenten niederzuringen.

Eine absolute Wahrheit kann demnach weder gefunden noch auch nur angenähert werden – und am Ende nicht einmal erwünscht sein. Sie ist ein leerer und letztlich sinnloser Begriff. Und selbst wenn es sie gäbe und einer sie erkennen könnte, so wäre doch der ganze Witz dahin sobald es einem andern ebenso gelänge, weil alsbald der Triumph des Ersteren verdorben und sein Sieg zu nichts zerronnen wäre. Könnte ein Hundertmeterläufer selbst in null Sekunden die Distanz bewältigen, so würde es ihm doch nichts helfen, sobald anderen dasselbe gelänge.

1. Mai 2013

Wir können davon ausgehen, dass jedes Mal, wenn einer ein Urteil über menschliches Handeln abgibt, ihn ein persönliches Motiv antreibt. Es geht immer um einen Vorteil oder um die Furcht eines Nachteils, manchmal materieller Art, meistens jedoch, weil er um sein Ansehen besorgt ist oder um dasjenige einer Gruppe, der er sich zugehörig fühlt, und deren Ansehen wiederum sein eigenes hebt oder schmälert. Oft ist Fantasie und ein Blick in die Tiefen der menschlichen Seele erfordert, um die verschlungenen Umwege und die subtilen Verknüpfungen zu erkunden, aber man wird am Ende immer fündig.

Ginge es in keiner Weise um unseren Vorteil, so würden uns die Taten der andern auch nichts angehen, und wir hätten keinen Grund, uns darüber lobend oder scheltend auszulassen. Wir würden sie viel mehr betrachten wie wir eine schöne Landschaft betrachten, interessant finden wie das Balzverhalten der Tiere oder ihren Kampf um Lebensraum und Nahrung.

Diese Erkenntnis hat mich nun keineswegs dahin gebracht, die Menschen für schlechter zu halten oder ihren Egoismus anzuklagen – der mir vielmehr als das Natürlichste und Selbstverständlichste von der Welt erscheint – sie leitet mich nur zu einer gewissen Vorsicht: Wenn andere ihre Wertungen vorbringen, erwarten sie, dass man in der Angelegenheit ebenso Stellung beziehe und vor allem, dass man ihnen beipflichte. Wenn ich aber sogleich erkenne, dass es hier nur um ihren Vorteil und um ihr Ansehen zu schaffen ist, werde ich mich weniger in der Pflicht sehen, ihnen beizustimmen und mich vor ihren Karren spannen zu lassen. Ich werde gelassen zuhören wie der Amsel beim Singen, dem Specht beim Knattern und der Krähe beim Krähen.

30. April 2013

Es bereitet dem Menschen ein herrliches Vergnügen, in irgendeiner Sache fortzuschreiten, in seinem Berufe, beim Bau seines Hauses, bei der Bearbeitung seiner Flöte, beim Vermehren seines Geldes, bei der Eroberung von Frauen oder sogar beim Loswerden seiner Pfunde, bei Einhaltung seiner Diät. Alle solche Disziplinen und Künste haben gemein, dass die Fortschritte beim Anfänger zwar bedeutend sind, mit zunehmender Vervollkommnung aber kleiner werden. Wer zwei Griffe auf der Laute kann, verdoppelt seine Kenntnis leicht, wenn er zwei dazulernt. Der Fortgeschrittene wird aber Jahre brauchen, um seine Kenntniss zu verdoppeln, und dem Meister schließlich ist es ganz unmöglich.

Das mag denn auch der Grund sein für viele, dass sie alle halbe Jahre eine neue Kunst beginnen und die vorige in die Ecke stellen. Sie genießen die großen Fortschritte der Anfangsphase – mit dem Nachteil allerdings, dass sie in keiner Sache jemals auch nur eine bescheidene Meisterschaft erlangen.

28. April 2013

Naturgesetze sind reine Kunstprodukte des Menschen. Das beginnt schon mit den ersten Grundlagen der Wissenschaft, denn in der Natur ist nichts abgemessen, sie kennt keine Zahlen, sie kennt keine Zeitrechnung und Längenmessung. Zwar gibt es in der Natur etwa einen unaufhörlichen Wechsel zwischen Tag und Nacht und es gibt auch Entfernungen von einem Ding zum andern. Die Idee aber, sich hierfür eine Messmethode zu schaffen, an der sich alle Menschen orientieren können, also etwa eine Maschine, die vierundzwanzig mal schlägt von einem Sonnenhöchststand zum anderen, oder eine Latte, mit der man Entfernungen misst, indem man abzählt, wie oft sie von einem Ort zum andern umgeschlagen werden kann, das ist das Kunstprodukt des Menschen, denn in der Natur besteht für solche Messungen keinerlei Notwendigkeit.

Hätte sich der Mensch etwa andere Prioritäten gesucht als dieses zahlenmäßige Vergleichssystem zu erschaffen, hätte er etwa die Priorität in der individuellen Empfindung gesucht, also wie lange einem Einzelnen die Zeit von einem Tag zum andern erscheint, wie lange sie ihm heute erscheint im Gegensatz zu morgen, wie lange im Vergleich zu seinem Freund oder Bruder, wie lange ihm der Weg von A nach B erscheint im Verhältnis zu gestern oder vor drei Wochen, wäre also seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Empfindungen gerichtet, so hätte er zwar keinen zahlenmäßigen Maßstab, um sich mit anderen auszutauschen und abzusprechen, aber er hätte vielleicht eine feinsinnige Sprache und Ausdrucksweise entwickelt, mit denen er seine Befindlichkeit und Wahrnehmung hätte kommunizieren können, wäre damit zu ganz andersartigen aber vielleicht nicht weniger wertvollen und nützlichen Errungenschaften gelangt. Vielleicht wären ihm technische Maschinen und Hilfsgeräte versagt geblieben, aber wenn er mit gleicher Intelligenz und gleich vieler Energie sich in die Erforschung dieser gefühlten Zusammenhänge begeben hätte, hätte er vermutlich auch gleich viel Sinnvolles und Erquickliches hervorgebracht. In einem gewissen, die bloße Erkenntnis betreffenden Sinne wäre er dadurch der Natur vielleicht sogar näher gekommen, weil diese Gefühle über Zeit- und Raumabstände unmittelbarer aus der Natur zu uns sprechen, als die zahlenmäßige Abmessung durch Apparaturen und Messstäbe.

Dies darf nicht missverstanden werden als Stellungnahme gegen die Technik und heutige Naturwissenschaft und für eine romantische Aufwertung unserer Gefühlswelt. Es soll nur zeigen, dass die Naturgesetze, wie wir sie nennen, keinesfalls in der Natur liegen oder aus ihr kommen, sondern ausschließlich Kunstprodukte des Menschen sind, die so oder auch ganz anders hätten ausgedacht werden könnnen und die nur insofern natürlich sind, als auch der Mensch, samt allem was er tut und schafft, ein Produkt dieser Natur ist.

27. April 2013

Der Mensch sucht überall den Wettbewerb und schafft sich dazu alle denkbaren Disziplinen, für die in der Natur zunächst keinerlei Anlass oder Notwendigkeit bestünde. Er will sich messen im Sport, in der Kunst, in der Wissenschaft, im Kriege, in der Moral oder sich wenigstens Protagonisten wählen, die für ihn um den besten Platz ringen, mit denen, wenn sie gewinnen, er sich als Sieger fühlen kann, an deren Ruhm er sich beteiligt fühlt.

In den Religionen geht es darum wer am frömmsten ist, wer den Göttern am nächsten steht, in der Wissenschaft wer die besten Argumente liefert, im zivilen Leben wer der beste Demokrat, der beste Humanist, Menschenrechtler ist, wer sich am besten für die Rechte der Armen und Benachteiligten einsetzt, wer gegen Atomkraft oder für eine höhere Wirtschaftsleistung streitet, als Vegetarier den Verzehr von Tieren ächtet, für die Freiheit der Meinungsäußerung kämpft, für die Gleichberechtigung von Randgruppen – oder jeweils deren Gegenteil.

Dies alles sind nur verschiedene Disziplinen für den einen Drang, nämlich hervorzuragen und andere zu besiegen. Insofern stimme ich dem Philosophen David Precht zu, dass Fußball heute zum Ersatz für Religion geworden sei. Allerdings nennt diese Aussage den Kern der Sache noch nicht beim Namen, denn was hinter beiden steckt, was den Menschen eigentlich sowohl zur religiösen als auch zur sportlichen Begeisterung antreibt, es ist der Wettbewerb.

Wenn nun die eine Disziplin aus der Mode kommt, wie heute vielenteils die Religion, so sucht sich der Mensch eine andere Disziplin, und dies mag etwa der Fußball sein. Was früher den Menschen für seinen Orden begeistern konnte, für besonders Fromme und Heilige, welche ihm vorgestanden, das kann ihm heute seine Fußballmannschaft sein, an deren Ruhm er sich ergötzt als habe er die Leistung selbst vollbracht. Aber all diese Disziplinen sind Kunstprodukte des Menschen, einem steten Wandel und den Moden unterworfen, denn wofür man heute Lorbeeren erntet, das war früher geradezu verpönt und wird in wenigen hundert Jahren wiederum verpönt sein – wenn neue Disziplinen in Mode stehen.

26. April 2013

Gerechtigkeit ist kein himmlisches Gebilde aus Idealen, sondern ein Konglomerat aus vielerlei Werten und Regeln mit dem einzigen Zweck, den sozialen und zwischenmenschlichen Frieden zu fördern. Was Gerechtigkeit in einem höheren, absoluten, allgemeingültigen Sinne wäre, kann auf keine Weise definiert werden. Ob es gerecht wäre, wenn alle gleich viel hätten, unabhängig ihrer Herkunft, unabhängig ihrer Leistung, oder ob alles von der Herkunft oder der persönlichen Leistung abhängen soll und jeder, nach seiner Stärke oder seinem Talent, sich nehmen solle was ihm beliebt, nach einem freien Spiel der Kräfte – was von derlei Vorstellungen letztlich gerecht sei, ist nirgendwo in der Natur oder im Himmel festgeschrieben. Vielmehr so, wie sich die unterschiedlichen Kräfte auf die Menschen verschieden verteilen, so wird auch, was gerecht sei, verschieden gesehen und letztlich in irgendeiner Mischung im Wertesystem und Gesetzeswesen einer Gesellschaft festgeschrieben.

Beispiel: Dass die Stärkeren und Kräftigeren von ihrem Überschuss etwas an die Bedürftigeren abgeben sollen und etwa einem höheren Steuersatz unterliegen, hat mitnichten etwas mit Gerechtigkeit im Sinne von Gleichheit und Gleichbehandlung zu tun, denn bei Gleichbehandlung müsste ja jeder nur so viele Steuern bezahlen, als er Leistungen des Staates für sich in Anspruch nimmt. Nein, es soll allein zur Wahrung des sozialen Friedens dienen, auf dass die Elenden und Bedürftigen sich nicht zusammenrotten und, weil sie ja in der Mehrheit sind, mit guten Chancen die Reichen überwältigen und überhaupt den Staat ins Chaos stürzen könnten. Beispiel: Viele Streitigkeiten in einer zivilen Gesellschaft drehen sich um Erbschaft: sollen alle Erbberechtigten gleich viel haben, oder die mehr, welche den Erblasser im Alter gepflegt oder ihm sonst wie zu Gefallen waren oder Vorleistungen erhielten oder erbracht haben usw. Alle beteiligten Parteien argumentieren stets mit der Gerechtigkeit, obwohl in keiner Weise auszumachen ist, was diese eigentlich sei. Nicht einmal eine Erbberechtigung an sich lässt sich aus einem Naturrecht herleiten: Warum soll jemand überhaupt etwas erben, warum nicht, wie schon erwähnt, jeder von vorne beginnen und allein durch seine Leistungen zu Erfolg und Vermögen kommen? Warum soll, andererseits, der Erblasser nicht völlig frei sein, über den Verbleib seiner Güter zu entscheiden, also entweder seine Nachkommen mit dem Privileg großen Reichtums versehen oder sie, wenn es ihm beliebt, völlig enterben? Welches Recht maßt sich schließlich ein Erbe auf seinen Anspruch an?

Das Werte- und Gesetzeswesen, welches Gerechtigkeit vorschreiben und durchsetzen soll, hat, wie gesagt, den sozialen Frieden und die Ruhe im Staate zum Ziel. Dazu müssen Regeln aufgestellt und von Gerichten durchgesetzt werden, und dadurch wird eine scheinbare Neutralität geschaffen usw. usw. Nur sollte diese Friedensarbeit eine gewisse Grenze vielleicht nicht überschreiten. Wenn nämlich – zur Beruhigung der Bedürftigen – alles umverteilt würde, so wäre zwar von unten keine Unruhe mehr zu fürchten aber auch von keiner Gruppe der Gesellschaft mehr irgendwelche Aktivität und Leistung zu erwarten.

Warum überhaupt die Gerechtigkeit so hochgehalten wird wie ein himmlisches Gut und der Gerechte wie ein Heiliger allseits Lob erfährt, kommt letztlich daher, dass er die Interessen der Gesellschaft so sehr befördert und jeder sich von solchem Tun einen direkten oder indirekten Vorteil verspricht – ist also Ausdruck des Egoismus aller Beteiligten.

22. April 2013

An einen Freund

Ich danke Dir für Deine Teilnahme. In der Tat war und ist die Frage, wie wir nach dem Tode dastehen werden, sei’s vor einem höheren Richter, einer Schicksalsmacht oder im Gedächtnis der Nachwelt, ein fester Bestandteil unseres Ehrgeizes, unserer Sorgen und Hoffnungen. Sie bildet die Konstante und sozusagen das Thema, demgegenüber Jüngstes Gericht, Zyklen der Wiedergeburt, irdischer Nachruhm usw. nur die Variationen zu sein scheinen.

21. April 2013

Um es in einem Wort zusammenzufassen: Macht ist das Ziel aller Wesen. Zur Macht gehört für uns aber auch das Bewusstsein von Selbstbestimmung und Freiheit. Denn wären wir bloß das Werkzeug eines anderen, so wäre er der Mächtige, nicht wir. Wir streben also gleichermaßen nach Macht und nach Freiheit, denn das eine kann ohne das andere nicht sein – ja sie sind gewissermaßen ein und dasselbe. Ohne Freiheit können wir nicht tun und lassen was wir wollen, haben also keine Macht, und ohne Macht können wir es ebenso wenig und sind demnach unfrei.

Allerdings wirkt hier oft ein Gefühl der Macht aus Zugehörigkeit: Wenn ich diesem mächtigen Herrn diene, wenn ich dieser siegreichen Armee angehöre, Bürger dieses blühenden Staates bin, Mitstreiter dieser einflußreichen Bewegung oder Fan dieser aufsteigenden Fußballmannschaft, dann tragen mich die Wogen ihrer Macht empor, auch wenn ich diese Macht nicht in dem Sinne frei ausübe, daß ich dort viel zu bestimmen hätte. Immerhin aber habe ich mich ja im Bewußtsein voller Selbstbestimmung und Freiheit zu der jeweiligen Gruppierung bekannt und kann deswegen den Abglanz ihrer Macht auch ungetrübt genießen. Das “gemeinsam sind wir stark” ist für viele sogar noch erhebender – zumal sie vor den Risiken, die mit persönlicher Machtfülle immer verbunden sind, doch eher zurückschrecken.

11. April 2013

Alles Schöne, alles Hässliche, alles Erfreuliche und alles Verdrießliche im Umgang mit anderen Menschen hat seinen Grund nirgendwo anders als in unserer Eitelkeit und Eigenliebe. Schön und erfreulich ist, wenn wir geachtet und geliebt, bewundert und liebkost werden, aber nichts schlägt mehr aufs Gemüt als wenn man uns nicht gelten lässt, kritisiert, beschimpft, beleidigt, kränkt, wenn wir mit unseren Argumenten unterliegen, andere uns den Rang ablaufen und bevorzugt werden.

Diese Eitelkeit ist der Grund, warum wir Gesellschaft suchen, uns auf Liebschaften einlassen, uns nützlich machen und nach Verdiensten streben – aber sie ist ebenso der Grund, wenn wir Gesellschaft und Streitgespräche meiden, uns auf uns selbst zurückziehen, dem Wettbewerb um Schönheit und Reichtum entsagen. Sie weckt einerseits unseren Ehrgeiz, ohne den nichts Schönes und Großes zu Stande käme, sie macht uns wehrhaft gegen Angriffe unserer Konkurrenten und läßt unsere Talente blühen – aber sie leitet auch an, unseren Frieden in Rückzug und in der Einsamkeit zu suchen, um den Niederlagen und Demütigungen zu entgehen.

Es gibt nur wenige Freuden und Leiden, die nicht von der Eitelkeit dominiert werden: Kälte und Hunger oder schwere Krankheit, die Freuden einer guten Tafel oder das Finale im Liebesakt. Doch würde ich meinen, dass selbst noch in diesen Freuden und Leiden unser Geltungsdrang und unsere Eitelkeit eine maßgebliche Rolle spielen, und selbst die Freuden der Kunstgenüsse hängen davon ab, wie wir uns in den Werken wiederfinden, d.h. uns selbst und unseren Geschmack bei anderen bestätigt sehen.

10. April 2013

Wenn wir nicht Angst hätten, uns lächerlich oder bei den Neidern verhasst zu machen, wäre uns kein Lob jemals zu groß und keine Schmeichelei zu dick aufgetragen. Wir würden wachsen bei dem Lob unserer Größe, aufblühen bei dem Preis unserer Schönheit und, dem Genie gleich, alles überstrahlen bei der Bewunderung unserer Klugheit. Im Grunde gefällt uns jedes Lob und jede Schmeichelei, solange wir nur irgend eine Spur von günstiger Gesinnung beim Lobenden vermuten oder eine günstige Wirkung auf das Publikum erhoffen. Nur wenn wir argwöhnen, man wolle uns hochnehmen, obsiegt in uns die Vorsicht und wir wehren ab und mimen den Bescheidenen. Zu vieles Lob müssen wir auch deswegen von uns weisen, weil wir den Hass derer auf uns zögen, die nicht dulden, dass andere oder wir selbst uns für besser halten. Der bescheidene Lobverächter ist also nicht weniger eitel sondern nur weniger einfältig, denn er erkennt rechtzeitig, wohin die offen gezeigte Selbstgefälligkeit uns bringt.

Zuletzt kann die Schmeichelei auch eine unangenehme Komponente haben, wenn sie nämlich von einer niedrigen und wenig geachteten Person vorgebracht wird: wir fürchten dann als einer dazustehen, der auf solch schnöde Nahrung angewiesen ist. Dennoch hat selbst diese Schmeichelei noch ihren wohltuenden Part.

7. April 2013

Lukian in seinem Bericht über das Lebensende des Peregrinus: Und so hat denn der heillose Mensch Peregrinus oder (wie er sich selbst lieber nannte) Proteus die Ähnlichkeit mit seinem Homerischen Namensverwandten, vollständig gemacht, und der ehrsüchtige Tor, nachdem er sich nach und nach in tausenderlei Gestalten verwandelt hatte, ist zu guter Letzt – so heftig brannte die Liebe zum Ruhm in ihm – noch gar zu Feuer geworden! Man könnte ihn, was diesen Punkt betrifft, einen zweiten Empedokles nennen; wiewohl mit dem Unterschied, daß jener, als er sich in den Krater des Ätna stürzte, von niemand gesehen sein wollte: dieser edle Held hingegen die volkreichste aller griechischen Nationalversammlungen zur Szene seiner großen Tat erwählte und einen ungeheuern Holzstoß auftürmen ließ, um in Gegenwart einer unendlichen Menge von Zuschauern hineinzuspringen, nachdem er sie sogar, wenige Tage vor Bestehung dieses Abenteuers, durch eine öffentliche Rede davon benachrichtiget hatte.

Ein extremes Beispiel unseres Geltungsdranges – und obendrein halte ich für wahrscheinlich, dass in beiden Fällen die Eitelkeit dahinterstand, beim Empedokles, weil er fürchtete gesehen zu werden, beim Peregrinus, weil er es hoffte.

WEITERE BEITRÄGE

… „Lügen mit Zahlen“ verschiedene Statistiken zurecht, indem er sie in ihren Relationen darstellt. Etwa die allgemein verbreitete Furcht vor einer Explosion der Kosten des Gesundheitswesens. Aus seiner Darstellung erhellt: …

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… andern gefallen und nichts weiter. Wenn wir dabei überhaupt Freiheit genießen, so liegt sie darin, dass wir den Kreis wählen können, dem wir gefallen wollen …

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… bleibt uns verborgen. Man sieht nur, dass die einen mehr klagen, die anderen weniger, aber ein zwingender Zusammenhang …

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