DIETMAR ODILO PAUL

WIE WAHRHEIT WANDELT

PHILOSOPHISCHE SCHRIFTEN

4. Februar 2012

Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen, daran besteht kein Zweifel. Wie er diese Gemeinschaft allerdings lebt, hat viele Wege: in Familie, Freundeskreis, Verein, Arbeitswelt, öffentlicher Tätigkeit. Jeder lebt in Gemeinschaft, und sein Geist ist fast ausschließlich mit Beziehungen und Verhältnissen zu Anderen beschäftigt. Dem kann sich keiner entziehen, auch wenn er dieser Unfreiheit immer wieder entkommen will und dazu alle möglichen Versuche unternimmt: Freundschaften kündigt, Ehen bricht, aus Vereinen austritt, die Arbeitsstelle wechselt, sich aufs Land zurückzieht oder alles hinschmeißt und eine Reise unternimmt. Manche lästigen Verpflichtungen und Zwänge mag er vorerst loswerden – aber niemals die Bande zur Gesellschaft zerreißen. Denn wo auch immer er hinkommt, er sucht sich sogleich neuen Umgang, und selbst der einsame Wanderer wird seine Fantasiegesellschaft im Rucksack mit sich führen, die ihn nicht weniger festhält als den Gesellschaftslöwen sein realer täglicher Kirmes.

3. Februar 2012

Eitelkeit und Geltungsdrang sind unsere allgemeinsten und natürlichsten Antriebe. Sie geringschätzen heißt, die Menschheit und im Grunde die ganze Natur geringschätzen. Dazu heute was Geliehenes:

Die Eitelkeit vieler Menschen wirkt vor allem deshalb so unerträglich, weil sie die Eitelkeit der anderen stört.
Jacques Duval

Es gäbe einen Weg, sämtliche Wirtschaftsprobleme zu lösen: man müßte die Selbstgefälligkeit steuerpflichtig machen.
Jacques Tati

Man hätte wenig Freude, wenn man sich niemals schmeichelte.
François de La Rochefoucauld

Wir sind so eitel, daß uns sogar an der Meinung der Leute, an denen uns nichts liegt, etwas gelegen ist.
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)

Was ist der Mensch für eine elende Kreatur, wenn er alle Eitelkeit abgelegt hat!
Johann Wolfgang von Goethe

31. Januar 2012

Dass es auch in der Liebe weniger um das Lieben als vielmehr um das Geliebtwerden und Geachtetwerden geht, zeigt schon der erste Vorgang des sich Verliebens: was macht uns denn verliebt? Doch nicht, dass der andere schön und begehrenswert ist, denn da müssten wir uns ja in viele verlieben, die täglich um uns her spazieren. Das Verliebtsein wird aber nur dadurch ausgelöst, das ein solches begehrenswertes Geschöpf ein Zeichen seiner Aufmerksamkeit sendet, dass wir uns einbilden können, wir hätten Interesse geweckt, wir kämen gut an und erschienen selbst als begehrenswert. Dann erst fängt die Maschinerie zu laufen an, und je mehr wir uns bestätigt glauben, desto begehrenswerter ist uns ein solcher vorteilhafter Spiegel. Deswegen werden wir auch sofort eifersüchtig und finden es ekelhaft, wenn andere in unserer Gesellschaft flirten und voreinander kokettieren – denn wir bleiben dabei ja außen vor, werden nicht bewundert, nicht begehrt, und das ist, zumal in solchem Kontrast, schmerzlich.

30. Januar 2012

Meine Erkundungen sollen nicht die Bosheit der Menschen aufdecken, sondern die Wahrheit, die wahren Motive, die menschlichem Benehmen und Handeln zu Grunde liegen. Daß egoistische Handlungen meist als verwerflich und böse gelten, liegt nur daran, dass sie andere in ihren egoistischen Interessen beeinträchtigen. Dies hindert jedoch nicht, dass es sich um natürliche Vorgänge handelt, welche aus einem neutralen Blickwinkel völlig wertfrei sind – weil eben die Frage nach Gut oder Böse nichts ist als eine Frage der Parteizugehörigkeit, der jeweiligen Interessenlage.

WEITERE BEITRÄGE

unzuverlässig sei und ständig bedroht von Hunger, Schmerz, Krankheit und der Furcht vor dem Tode, gelte dies doch nicht von den wahren Gütern, den Tugenden, aus welchen der Weise allein sein dauerhaftes Glück bezöge …

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21. Jan. 2012

Man sagt …

… die Tugend, also Gerechtigkeit, Gemeinsinn, Hilfs- und Opferbereitschaft, sei das höchste Gut und würde deswegen allseits gelobt. Ich sage hingegen …

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… auf die Unterscheidung zwischen den Lüsten des Körpers und den seelischen Freunden, welche sich dadurch auszeichnen sollen, dass sie um ihrer selbst willen erstrebenswert seien. Er nennt dazu die Würde, die Ehrenhaftigkeit …

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